Festgottesdienst 400. Geburtstag von Paul Gerhardt Paul-Gerhardt-Kirche Ulm 11. März 2007

ZUGANG ZUR PERSON UND BIOGRAPHIE ÜBER SYMBOLE
(Pfarrer Andreas Wiedenmann - W + Pfarrer Volker Bleil - B gehen gemeinsam durch den Kirchenraum)

1. Bierkrug und Sitzbank (B)
Letzte Station, Kleinstadt Lübben, im Spreewald – da war er schon 62. Gegen die Verklärung der Person! Ein Mensch, mit Ecken und Kanten, womöglich Allüren, wie wir! Nicht nur der stille, glaubensvolle Dulder, wie oft weich gezeichnet, sondern durchaus streitbar und es menschelte! –
Streit ums Bier, schon vor Aufzug: er wollte Fremdes einführen, wohl weil´s ihm besser schmeckte: Zerbster, Bernauer, Torgauisch Bier. Damals heikel! Braugerechtigkeit. - Das Pfarrhaus war miserabel; das kennen wir! Er stritt so heftig, dass sich sein Amtsantritt um 7 Monate verzögerte. – War er erst dort: Die Lübbener geärgert, weil er im GD eine Sitzbank für sich einführte, bei der Austeilung des Abendmahls.
Und – zum Schmunzeln: noch eine Neuerung, unerhört: er hatte sich eine Perücke zugelegt, die er beim GD trug. Für Pastoren unüblich, hochgradig umstritten. ER aus der Residenzstadt kommend, scheute einen gewissen modischen Zug nicht. – DAS gefällt mir, verbindet ihn mit uns: durch und durch menschlichen Zügen.

2. Kanonenkugeln (W)
Die originalen Kanonenkugeln auf unserer Kanzel symbolisieren den „Dreißigjähren Krieg". Als Paul Gerhardt 11 Jahre alt war, brach dieser elende Konfessionsstreit aus: 1618. Als er 41 Jahre alt war, ging dieser hässliche Streit mit dem westfälischen Frieden – Gottlob - zu Ende. Er hat die Ströme mit den Flüchtlingen gesehen, er hat den Sarg mit dem getöteten Schweden und Protestantenverteidiger Gustav Adolf erblickt, er spürte, wie immer mehr Dörfer in Brandenburg von der Landkarte verschwunden sind.

Erst danach plante Paul Gerhardt übrigens die Übernahme eines eigenen Pfarramtes. Und erst danach dachte er ans Heiraten. Berlin durchlitt in dieser Zeit schreckliche Pestphasen, von 15.000 Einwohnern war die Stadt auf 4.000 geschrumpft. Ein Amtsvorgänger von Paul Gerhardt wurde vom Altar weggeschossen.

Diese Traumata muss man in seinen Liedern mithören und mitdenken.

So fragt sich Paul Gerhardt:

Was sind dieses Lebens Güter?

Und er antwortet:

Eine Hand voller Sand,
Kummer der Gemüter! [EG 370]


3. Epitaph für Maria Elisabeth Gerhardt - 1656-57 (B)
Steinerne Gedächtnistafel, Kirche zu Mittenwalde. Etwas vom wenigen, was direkt und material erhalten blieb von PG. Erste Pfarrstelle, auf die er so lange wartete. Glückliche Lebensphase – endlich, da er die Stelle hatte, Heirat mit Anna Maria Berthold (er war 48, sie 33). Und dann eine kleine Tochter, „erstgeborenes, herzliebes Töchterlein" große Freude, Glück. Nach einem dreiviertel Jahr verloren, gestorben.
Viele von Ihnen wissen, weil erschütternd: im Jahresabstand Geburten und Tode: Anna, Andreas, später Andreas Christian; nur das vierte von fünf Kindern, Sohn Paul überlebte. – Ein Schicksal, dass die Gerhardts damals mit vielen Ehepaaren teilten. Ich glaube trotzdem nicht, dass der Schmerz wesentlich kleiner war. – Stelle aus Gen.47,9, drückt Bitterkeit aus: „Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens."
Dem Kollegen (!) an St.Nikolai starb ein Kind und PG dichtete, den Eltern zum Trost, aus eigenem Erleben:
„Ach es ist ein bittres Leiden und ein rechter Myrrhentrank, sich von seinen Kindern scheiden durch den schweren Todesgang! Hier geschieht ein Herzensbrechen, das kein Mund recht kann aussprechen!"
Vom Tod umgeben: Vater mit 12, Mutter mit 14 verloren. Bruder an der Pest, als er 30 war. Die vier Kinder, später die Frau, als der Sohn sechs war. – Verdrängen, wie bei uns, ging nicht. Auferstehungshoffnung viel größer!

4. Lutherstatue /Konkordienbuch (W)
Ohne Luther keinen Paul Gerhardt. Im Ulmer Münster steht die Paul Gerhardt Statue zwischen Luther und Bach. Paul Gerhardt hatte in der Lutherstadt Wittenberg Theologie studiert. Er kannte Luther in und auswendig. Luther und Gerhardt, das war eine enge Beziehung, auch wenn zwischen Martin Luthers Tod und Paul Gerhardts Geburtstag 62 Jahre liegen. Aber Gerhardt kannte alle wesentlichen Stätten der Reformation, die an der Elbe lagen: die Schlosskirche, die Universität, das Luthergrab, das Lutherkloster. Den Katechismus, die Predigten, die Briefe und das lutherische Gesangbuch. Und er schwor seinen Amtseid als Pfarrer auf die lutherische Konkordienformel, das Manifest der lutherisch geprägten Protestanten. Das neu entdeckte Evangelium wollte er – wie Luther – zum Leuchten bringen.

5. Koffer (B)
„Ich hab noch einen Koffer in…." BERLIN!
Der Lebensmittelpunkt von Paul-Gerhardt – eigentlich war er ein „Berliner". Überraschung: unsere Hauptstadt, Berlin Mitte, ganz nah am Reichstag, am heutigen Zentrum der Macht. Residenzstadt des brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm, aufstrebend, aber nur 4000 Einwohner. Man kannte sich! Auch die armen Leute kannten PG und er sie.
Die Kulturschicht – Beamten, der Hof, Adlige, Pfarrer, Künstler, Vermögende. Nikolaiviertel - heute absoluter historischer Kern. Ganz nahe am Machtkern heute. Auch damals: Zentrum der Macht und der Kultur.
9 Jahre Hauslehrer beim Kammergerichtsadvokaten Berthold – Frau!, zweite Phase Höhepunkt seiner Karriere: 11 Jahre Pfarrer an St. Nikolai, einer von dreien. Freunde (Du sagst gleich was dazu) – viele Kollegen waren das! Familie! Beziehungen! Stil! Aber auch: die schlimmste Auseinandersetzung, Niederlage. politischer Streit mit der Obrigkeit, der ihm an die Nieren und das Gewissen ging. Der Kern der Macht ist gefährlich, glüht. Verlust der geliebten Stelle. – Er hatte immer einen Koffer in Berlin. Kein Zufall: Sarah Kaiser heute – gerade eine junge Berlinerin, Jazzsängerin, Paul Gerhardt neu entdeckt – hoch erfolgreich. Kommt zu uns nach Ulm, im Oktober.

6. Orgelpfeife (W)
Ja, was wäre Paul Gerhardt ohne Musik? Was wäre er ohne seine Musikerfreunde? Ob man ihn dann überhaupt noch kennen würde? Ob es ohne diese begnadeten Musiker überhaupt Paul-Gerhardt-Kirchen in Deutschland geben würde?

Wohl kaum? 45 Auflagen mit Paul-Gerhardt Liedern erschienen, ab 1640 herausgegeben von Kantor Johann Crüger. Angefangen hatte es mit 18 Liedern, die Crüger bei Gerhardt entdeckte. Ja, Crüger hatte Gerhardt buchstäblich entdeckt. Ob Gerhardt mit seinen poetischen Erzeugnissen selbst zu Buchdruckern gelaufen wäre? Eher nein! Es bedurfte des Impulses durch die Musiker. Und die Popularität seiner Texte wuchs mit und an den Melodien und Liedsätzen. Kirchenmusik war das Vehikel, mit dem diese Texte in die Welt hinausgefahren sind.

Und der andre Kantor war ebenfalls fleißig: Johann Georg Ebeling. 110 Melodien stammen von ihm. Nicht alle haben sich halten können.

Am Rande die aktuelle Gesangbuchstatistik:

18 Melodien im Gesangbuch sind heute immer noch von Crüger drin,
4 Melodien von Ebeling.

Nur fünf werden wir heute hören und singen können.

Paul Gerhardts Lieder werden oft falsch verstanden als Ausdruck seines subjektiven Erlebens. Aber das folgende wird durchsichtig für seine Lebenserfahrung; mehr als alle andere.

529,1-3+6 Ich bin ein Gast auf Erden


DIALOGPREDIGT ZU EG 351 „Ist Gott für mich, so trete"
Lesung: Röm.8,31-39 (M.Koch)
351,1-4 Ist Gott für mich so trete

1. Der Trost und das Therapeutische am Singen mit Paul Gerhardt (B)

Liebe Gemeinde,
warum haben diese Lieder aus dem 17. Jh. ein derartiges Trostpotential, durch die Zeiten? Versuch einer Antwort: Seine Lieder sind durch und durch biblische Lieder. UND zugleich Erfahrungslieder, ganz nah dran am Leben. Existentielle Lieder, Verarbeitung seines eigenen harten Lebens- und Glaubensweges. Tiefgang, hohen poetischen und menschlichen Qualität. Unsere Väter und Mütter haben sich damit getröstet, ein Dietrich Bonhoeffer hat Paul Gerhardt für sich entdeckt in der Todeszelle.
Womit trösten wir uns? Wie trösten wir uns – und andere? -
Seine Lieder waren in sich Therapie für seine schwer verstörten Zeitgenossen: Traumatisierte, Verwaiste, Verstümmelte, Verarmte. Biblisch, ohne bloß Bibelverse zu zitieren. Theologisch reflektiert, ohne lehrhaft zu sein. Dieses z.B.: Trinitarischer Aufbau: V.1+2 Die Liebe Gottes des Vaters. V.3-6 Vermittelt durch die Hingabe Jesu - V.7-9 Im Herzen empfangen durch den Heiligen Geist.
Gesungene Auslegung, gesungene Predigt zu Römer 8 – das Trostkapitel, das Kernkapitel des Römerbriefes. Darum für Paul Gerhardt so zentral, wie schon für Luther. Die Themen von Röm.8 sind auch seine Themen. Das ist die Substanz seines Trostes: Der heilige Geist, Tröstergeist, der Geist Christi, der in unsere Herzen ausgegossen ist und uns das Beten lehrt und die Hoffnung neu entfacht. Die Liebe Gottes, zu jedem einzelnen, die alles überwindet: sichtbar und anschaulich in der Liebe Christi.
PG zeigt: das christliche Dogma, die biblische Lehre, ist in höchstem Maße therapeutisch. Die Liebe Gottes heilt die Seele und das verwundete Leben, wo sonst gar nichts hilft und gar nichts tröstet. Und in gesungener Form noch sehr viel mehr: da geht die Medizin direkt ins Herz!
Bis heute, an Krankenbetten, in der Hospizbewegung, in Sterbezimmern: vor wenigen Tagen selbst erlebt.
Der Trost von Paul Gerhardt: veraltet, nicht zugänglich für Kinder und Jugendliche? Ein Mädchen wünschte sich am Dienstag „O Haupt voll Blut und Wunden" als Geburtstagslied, zum 10.! „Wenn ich einmal soll scheiden, dann scheide nicht von mir" – und die Klasse sang es mit Inbrunst zur Gitarre!

2. Paul Gerhardt als Popmusiker des 17. Jh. (W)
Für mich ist es immer wieder spannend, wie Paul Gerhardt zu seinen Liedern kam. Und ich meine jetzt den musikalischen Teil.

Für die hohe Qualität dieser Barockmusik zeichnen sich vor allem Johann Crüger und Johann Georg Ebeling verantwortlich. Beides waren „Hauskantoren" von Paul Gerhardt, das bedeutet: Paul Gerhardt stand mit Crüger und Ebeling in einer Dienstgemeinschaft, sie wirkten gemeinsam an derselben Kirche, sie bestritten miteinander die regelmäßigen Sonntagsgottesdienste, wohl auch die traurigen Beerdigungen und die fröhlichen Taufen und die heiteren Hochzeiten. Sie hielten miteinander den gemeindlichen Alltag aus, und: sie freundeten sich miteinander an! Sie freuten sich an den Begabungen und Qualitäten des jeweils anderen.

Crüger war in Deutschland die Nummer 1, was Musiktheorie, Gesangbücher und Kompositionstechnik betraf. Er kannte alle wesentlichen Kompositionen seiner Zeit, editierte die meisten Kirchengesangbücher und verfasste das wichtigste Musiklehrbuch des 17. Jahrhunderts. Ein Glück, dass gerade dieser Musiker auf Paul Gerhardt stieß.

Ebeling war ein hochgelehrter Mann, der nicht nur die barocke Satztechnik als Komponist und Kantor vorzüglich beherrschte, der also auch mit größtem Fleiß Paul Gerhardt Lieder vertonte, sondern der auch den ganzen Reichtum der humanistischen Bildung in sich trug. Als Paul Gerhardt aus seinem Berliner Pfarramt vertrieben wurde, da hatte auch Ebeling keine Lust mehr auf Berlin. Er wurde Professor für griechische Sprache in Stettin und wurde Kantor dort.

Ebeling war zudem ein ausgesprochener Fachmann für Marketing. Er verstand es vorzüglich, Geld einzutreiben. So widmete er einzelne Abteilungen seines Paul-Gerhardt-Gesangbuches einzelnen Berliner Berufsgruppen, die dafür wohl etwas bezahlten: einige Lieder waren für die Berliner Ärzte, einige Lieder für die Berliner Apotheker, einige Lieder für die Berliner Rechtsanwälte usw. – Am Schluss war das Gesangbuch und die Kirchenmusik finanziert: ein sehr modernes Modell. Ein Modell für Ulm?

Eine sehr moderne Art von Kultursponsoring war das jedenfalls schon damals. Und an anderer Stelle bekamen die Paul-Gerhardt-Lieder auch schon im 17. Jahrhundert einen hochmodernen „Touch". Die Melodie des gerade gesungenen Liedes stammt von einer englischen Comedy-Gruppe, die theaterspielend durch Europa getingelt war und kleine Theaterstückchen und Sketche zum Besten gab. Mit Trommeln und Krummhörnern, mit Schalmeien und Pommern „tröteten" sie die Melodie des Liedes „Ist Gott für mich so trete" in die Köpfe und Herzen der damaligen Europäer. Es war also ein total weltlicher Schlager einer Tourneebühne, auch ein bisschen derb und schrill, vielleicht auch ein bisschen neben der Intonation, Musik für den „POPULUS", „POPULAR-Musik", „POP", fröhliche Musik für das breite Volk, zum vergnügten Mitpfeifen und ausgelassenen Mitklatschen! Mit anzüglichen Texten: „O Nachbar, lieber Robert, mein Herz ist voller Pein!" – Die Menschen haben über den Klamauk geschmunzelt.

Und diese Schlagermelodie wird nun „getauft", wird „christianisiert", wird in die Kirche hereingeholt. Kein Wunder, dass sich Paul Gerhardt so rasend schnell in europäischen Dimensionen verbreitete.

Auch hier können wir lernen, Berührungsängste abzubauen. Paul Gerhardt verträgt das breite Spektrum, ganz so, wie das ja auch in unserer Gemeinde gepflegt wird mit lustiger und ernster Musik, mit U- und E-Musik, mit Barock, Klassik und Pop. Hauptsache, das Evangelium wird getrieben!

Krokenberger spielt mit schrillen Registern eine Strophe, Wiedenmann trommelt dazu.

351, 7

3. Ich-Perspektive/ Innige Christusgemeinschaft, Mystik bei PG (B)
Nicht nur die Melodien waren neu, waren Pop. Noch etwas anderes ist gewagt und atemberaubend neu: die Perspektive seiner Lieder. Noch bei Luther: Glaubenslehre „Wir", bei Paul Gerhardt das „Ich": Glaubensleben, Glaubenserfahrung im Vollzug. So auch dieses ganze Lied. Im Unterschied zum Bibeltext: da geht es ja zunächst im Plural los: Ist Gott für uns, wer kann wider uns sein?
Ich – Beginn der Moderne, der einzelne Mensch wird entdeckt, auch durch Luthers „Hier stehe ich"! Und das zur Zeit der lutherischen Orthodoxie.
Ich - bei Paul Gerhardt hat das nichts Betuliches, wie manchmal im Pietismus oder in flachen neuen Liedern.
Nicht individueller Erguss, nicht subjektive Stimmungen und Erlebnisse, sondern das „Ich" des Glaubens. So, dass sich möglichst viele darin finden können, sogar noch wir, nach 400 Jahren.
Zu diesem „Ich" gehört etwas, das mich bei PG sehr berührt und anspricht: seine Bilder für die innige Gemeinschaft des Glaubenden mit Gott. Der nahe Gott!!! Gott nicht etwa in erster Linie Herr, vor dem ich vergehe, auch nicht nur Vater – immer noch Dominanz. Sondern, wie nennt er Gott? Freund, V.1+2. Wer traut sich das, von uns zu sagen? Gott, der auf dem Sternensitz (V.4), mein Freund?
Genauso: nicht ein ferner, dogmatischer Christus, sondern „mein Jesus", „mein Heiland", der „in mir" ist (V.4). „Unter seinen Flügeln", in seinem „Arm und Schoss", bin ich geborgen; mütterliche Bilder. Bei so viel Vertrautheit: V.11 und 12 Wechsel zum DU, direktes Gebet!
Innige Christusgemeinschaft, Sprache der Liebe, Bilder der Liebe, Sprache der Mystik – ohne die Differenz zwischen Gott und Mensch aufzuheben. Ohne Gott zu vereinnahmen. Bei Paul Gerhardt ist das gut biblisch. Kenne ich in meinem Glaubensleben diese Innigkeit, wie sie sich im „Abba-Schrei" Jesu ausdrückt? Halte ich mir Gott lieber auf Distanz? Wie gut kann ein ferner Gott, trösten?

351,8-9

4. Der Trotz aus dem Glauben (W)
Was ich persönlich an Paul Gerhardt so schätze, ist seine Mischung aus Trost und Trotz. Einer meiner Heidelberger Lehrer sagte: „Trost ohne Trotz macht naiv, Trotz ohne Trost macht bitter!"

Man kann also vom Pferd – geistlich gesehen – auf beiden Seiten herunterfallen! Paul Gerhardt schafft es in meinen Augen vorzüglich, b e i d e Aspekte in einer heilsamen Balance zu halten. Paul Gerhardt war zunächst einmal der feine Berliner Stadtpfarrer. Er hatte eine gepflegte Sprache, die Sprachgewalt eines begnadeten Dichters, er konnte sensibel mit den Farben seiner Worte umgehen, er beherrschte alle Nuancen des Ausdrucks. Und er war behutsamer Seelsorger seiner Berliner in den vielerlei Nöten des 17. Jahrhunderts. Er war ein Meister des Trostes, - mit femininen Seiten!

Und doch verwendet er in seinen Passagen, die dann mehr vom „Trotz" geprägt sind, auch einmal derbe und starke Vokabeln, auch sogar Vokabeln, die ich jedenfalls nicht unbedingt mit auf die Kanzeln nehmen würde. Ich will das nicht weiter entwickeln; aber das ist dann die eher maskuline Welt! Darauf verweisen die kraftvollen Passagen unseres Liedes:

Strophe 1 „Feinde und Widersacher Rott"
Strophe 2 „Sturm und Wellen"
Strophe 6 „die Höll und ihre Flammen"
Strophe 10 „muss ich auch gleich hier feuchten,
mit Tränen meine Zeit"
Strophe 11 „ein Brennen, Hauen Stechen"!

Paul Gerhardt überspielt die harten Dinge seiner Zeit, die Realitäten nicht, sondern nennt sie beim Namen. Und er nimmt sie auf in seine Lyrik. Damit nimmt er seine Zeit ernst. Die Menschen aller Bildungsschichten und in vielen Nöten fanden sich in seinen Wendungen wieder. Und so ist Paul Gerhardt nicht naiv, sondern er sieht die Dinge scharf, sieht sie, so wie sie sind!

Und er geht mit Ihnen einen Weg: er sagt: allen widrigen Umständen zum Trotz halten wir Christenmenschen fest an der Freude, am Lachen, am Singen, am Sonnenschein, an Christus.



Strophe 11: „Kein absolutistischer Herr und Fürst,
kein Großer aus der Politik,
Strophe 12: kein Leiden
keine Angst,
keine Fährlichkeit (also Gefährlichkeit, Gefahr)"

kann und darf mich aus der Lebensspur zwingen. Er nennt fast alles, was einen aus dieser Spur werfen kann. Und dann antwortet er mit dem Trotz des Glaubens.


Mein Herze geht in Sprüngen
und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen,
sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet,
ist mein Herr Jesus Christ;
das, was mich singen machet,
ist, was im Himmel ist.


5. Paul und Paulus (B)
Trotz und Selbstbewusstsein durch den Glauben waren Familientradition, zumindest mütterlicherseits. PG´s Mutter war Tochter eines lutherischen Dekans, überzeugt evangelisch. Sie nannte ihren Sohn mit Bedacht Paul, die deutsche Form von lateinisch Paulus. Er selber unterschrieb mit Paulus Gerhardt, nannte seinen zweit-geborenen ebenfalls Paul(us). Große Nähe zu Paulus, der ja für die ganze Reformation zentral war, mit der Rechtfertigung aus dem Glauben.
Der harte Kern des Evangeliums, auch dieses Liedes, bei aller „Ich"-Perspektive: ich bin mir selbst entnommen, weil ich von Gott geliebt bin. Weil Gott mich in Jesus Christus annimmt und gerecht spricht, obwohl man Taten und Unterlassungen nicht zu rechtfertigen sind.
Der Kern der Botschaft von Paul wie Paulus: Muss mich nicht mehr so wichtig nehmen: mein Versagen nicht, aber auch meine Erfolge; meine Sorgen nicht, meine Begrenzungen, das Leid, das mir zustößt, das Unrecht, das mir geschieht. Schon gar nicht: mich religiöses Ich; als ob das bisschen Gottvertrauen Leistung wäre und nicht vielmehr reines Geschenk.
Ich muss auch diese Welt nicht mehr ganz so wichtig nehmen, die sich so schnell dreht, mit ihren Trends und Moden, den Mächten, auch den Bedrohungen, die kommen und gehen.
Ich finde mich, finde Freude und Lebensglück, indem ich an erster Stelle GOTT wichtig nehme, im Glauben. Und ich finde mich, ich verwirkliche mich am besten, indem ich mich aus Dankbarkeit hingebe, in der Liebe zu meinen Nächsten. Das gilt durch die Zeiten. Das tröstet und schenkt Trotzkraft, auch heute – und morgen. AMEN.

351,11-13


Evangelische Reformationsgemeinde Ulm
Pfarrer Volker Bleil und Pfarrer Andreas Wiedenmann