Predigt anlässlich der Entwidmung der Paul-Gerhardt-Kirche vom 15.07.2007
( Prälatin Gabriele Wulz )

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus
Und die Liebe Gottes
und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.
Amen

Unruhig, liebe Gemeinde, sind die Seelen heute Abend. Aufgewühlt. Verletzt und betrübt. Vielleicht auch bitter und wütend darüber, dass es keine anderen Lösungen gegeben hat…
So was tut man doch nicht. Eine Kirche verkauft man nicht. So werden viele anfangs gedacht haben --- und denken es vielleicht immer noch.
Aber nun ist es entschieden.
Und endgültig. Wir nehmen Abschied von diesem Kirchengebäude.
Wir feiern hier heute den letzten Gottesdienst.

Die Gedanken gehen zurück, so wie im Psalm 42.
Vor fünfzig Jahren ein so ganz anderes Bild. Fröhliche Festversammlung in großer Schar: Dekan, Prälat, eine stattliche Gemeinde. Aufbruchstimmung auf dem Kuhberg.
Man hat geträumt. Den Traum eines evangelischen Ulms. Eines evangelischen – oder wenigstens christlichen Landes.
Kein Wunder: Man war der Diktatur entronnen, hatte gesehen, was geschieht, wenn Totalitarismus Menschen ergreift mit Haut und Haaren --- oder sie wenigstens mitlaufen lässt, weil es immer gescheiter ist, sich nicht anzulegen mit denen, die das Sagen haben.

Die Rückkehr zu den Kirchen nach dem Krieg --- so gebrochen und verflochten deren eigene Geschichte ja gewesen ist – hat zu manchen Träumen Anlass gegeben: Auch zu dem Traum von einer Kirche, die das Leben der Gesellschaft prägt und bestimmt.
Entsprechend präsent wollte man sein. Überall. Flächendeckend. Geld spielte keine Rolle. Es wurde jedes Jahr ein bisschen mehr.
Entsprechend hat man gebaut.

Wir haben, liebe Gemeinde,
ein großes Erbe angetreten. Diejenigen, die es uns hinterlassen haben, mögen uns nun schelten:
Ihr habt es schlecht gemacht. Ihr habt die großen Träume, die wir geträumt haben – gerade auch für euch, nicht erfüllt.
Ulm ist keine evangelische Stadt mehr, auch wenn das Münster weiterhin das Stadtbild dominiert.
Rein zahlenmäßig nehmen die evangelischen Kirchengemeinden ab. Jahr für Jahr.
Und wir haben weder die finanziellen noch die geistlichen Kräfte, das, was an Gebäuden auf uns gekommen ist, zu erhalten – geschweige denn zu füllen.

Wir sind nicht nur an die Grenzen des Wachstums gekommen. Es ist mehr: Wir sind vor die Aufgabe gestellt, den Rückbau zu organisieren.
Der Traum, den die Gründergeneration vor 50 Jahren geträumt hat und den sie unter anderem auch mit dem Bau dieser Kirche verbunden hat, ist ausgeträumt, ist gescheitert und ist an sein Ende gekommen.

Deshalb sind wir betrübt. Traurig.
Deshalb sind Sie wahrscheinlich auch wütend --- und deshalb suchen Sie wahrscheinlich auch nach Schuldigen.

Eine anonyme demographische Entwicklung ist zwar sachlich richtig, tröstet aber nicht.
Die Verantwortlichen in den Gremien tun zwar nichts anderes als ihre Pflicht, aber ihnen kann man wenigstens Herzlosigkeit vorwerfen und eine unangemessene Nüchternheit.

Und über all dem bleibt oft das Schwierigste ungesagt: Das, was am meisten kränkt und plagt, das was am bittersten ist: Die Niederlage einzugestehen.

Denn eine Kirche aufzugeben, weil man sie nicht mehr halten kann, das ist eine Niederlage. Das ist ein Stück Rückzug. Das ist ein Stück Anfechtung des Glaubens.
Ein Stück – ich sage es mit Worten des 42. Psalms – auch Triumph für die, die sagen: Wo ist denn nun euer Gott?

Da kann die Seele schon unruhig sein und betrübt und traurig.
Auch verzweifelt.

Da haben Sie sich so angestrengt.
Da haben Sie so viel gemacht. Da haben Sie Erwachsenenbildung organisiert. Ich erinnere mich gut an die Gesprächsrunden im unteren Gemeindesaal. Da gab`s die Seniorenmittage.
Da haben Sie sich um Gottesdienste bemüht --- eindrücklich der Gottesdienst zusammen mit den Mitarbeitenden der Diakonischen Bezirksstelle zum Thema Armut.
Da haben Sie Kindergottesdienst gefeiert. Einen Kirchenchor am Leben erhalten über viele Jahre bis zur Fusion mit der Martin-Luther-Kirchengemeinde zur neuen Reformationsgemeinde.
Da haben Sie für die Senioren eine Gymnastikgruppe als festen Bestandteil als nachbarschaftliches Netzwerk gehabt. Da gab`s die Bibliothek --- für viele Kinder, die hier groß geworden sind, eine wichtige Anlaufstelle.
Da waren Kirchengemeinderätinnen und Kirchengemeinderäte zugange, die sich viel Mühe gemacht haben, um gemeinsam mit den Pfarrern zunächst die Fusion und dann die Zukunft ohne Kirchengebäude in den Blick zu bekommen.

Und dann waren da die vielen Menschenkinder, die hier einfach „durchgelaufen" sind --- Taufkinder, Konfirmandenjahrgänge. Leute, die jetzt beim Zeitunglesen denken:
Paul-Gerhardt-Kirche – ach ja: Ich erinnere. Das ist doch die Kirche, in der ich getauft, in der ich konfirmiert worden bin ...

Von dem, was heute hier geschieht, sind viele berührt und bewegt:
Nicht nur die ganz fest und eng Verbundenen, nicht nur die, denen jetzt die Tränen in den Augen stehen und das Herz ganz schwer ist, nicht nur die, die hier in diesem Haus eine wirkliche Heimat hatten, sondern auch die Passanten, die mit dieser Kirche Kontakt hatten und für kurze Zeit mal hier waren --- sei es beim Krippenspiel oder bei einer Hochzeit.

Aber, liebe Gemeinde, wenn Sie nun denken, dass dies nun alles nichts mehr sei …
Das dies alles nun ent-wertet sei dadurch, dass diese Kirche nicht mehr sein soll, dann ist das zwar verständlich, aber dennoch nicht wahr.

Denn das alles, was hier in diesem Kirchenraum gewesen ist --- an Schönem, an Festlichem --- vielleicht auch manchmal an Langweiligem und wenig Erbaulichem, denn auch das gehört zum Leben einer Kirche --- ist dadurch nicht nichts, weil wir diese Kirche nun aufgeben.

Im Gegenteil: Alles hat seine Zeit, wie der Prediger sagt. Und alles ist zu seiner Zeit schön.
Alles Ding währt seine Zeit --- die Zeit, die Gott ihm gibt --- Gottes Liebe allein aber währt in Ewigkeit, so der Namensgeber dieser Kirche, der nun wahrlich in seinem Leben genug Niederlagen und Abschiede erlebt hat und der weiß, wovon er spricht.

Und deshalb verlieren wir – bei allem Schmerz, bei aller Trauer – nicht das aus den Augen, was gewesen ist --- und entwerten nicht das, was es in den vergangenen 50 Jahren im Leben dieser Gemeinde an Begegnungen und Aufbrüchen, an Durstrecken und an Wachstum im Glauben gegeben hat. Das war und ist schön und recht und gut.
Auch wenn es jetzt nicht in der Weise weitergehen kann, sondern an einem anderen Ort weitergehen wird.

Deshalb ist eines wichtiger alles andere:
Dass wir über dem äußeren Abschied und Verlust nicht das Eigentliche, das Wesentliche verlieren, dass wir nicht innerlich zumachen und Abschied nehmen von dem, was unseren Glauben ausmacht und unser Vertrauen in Gott begründet.

Deshalb ist das das Wichtigste:
Dass wir nicht in Kränkung verharren. Dass wir in unserer Wut, in unserer Trauer nicht leichtfertig wegwerfen, was gewesen ist --- und damit das, was uns anvertraut ist.
Und zwar noch in ganz anderer Weise anvertraut ist als die Immobilie --- nämlich den Schatz, den wir in irdenen Gefäßen haben.
Den Schatz des Evangeliums.

Wir wissen, dass wir im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder Gefahr gelaufen sind, die äußeren Erfolge und das äußere Wachstum der Kirche als Beweis dafür zu nehmen, dass Gott auf unserer Seite steht.

Mit dem Kleinerwerden, mit dem Wenigerwerden tun wir da uns naturgemäß schwer --- auch wenn wir wissen können, dass wir damit – biblisch gesehen – den Verheißungen Gottes wieder erheblich näher kommen.

Und deshalb können wir Paul Gerhardt so dankbar sein, der uns mit seinem Lied heute Abend auf die Sprünge hilft.

Liebe Gemeinde,
man hat von Paul Gerhardts Liedern gesagt: Dass sie beim schwermütigen Herzen anfangen und bei der verzagten Seele --- und dass sie dann so etwas wie eine Himmelsleiter bilden, mit deren Hilfe wir ganz allmählich aus unserer Schwermut heraus steigen können.

Und das ist es, was wir hier und heute brauchen. Ein Lied, das uns hilft, aus dem, was ist, herauszukommen.
Wir werden nicht bestürmt. Wir werden nicht mit Appellen überzogen. Wir müssen nicht singen, wenn uns danach nicht zumute ist.
Wir werden vielmehr in ein Zwiegespräch, in ein inneres, fragendes Zwiegespräch hineingenommen, damit wir zum Nach-denken kommen. Zum Nach-sinnen. Und dann auch zum Nachsingen.
Deshalb die Fragen am Anfang:
Sollt ich meinem Gott nicht singen?
Sollt ich ihm nicht dankbar sein?

Und allein, indem diese Fragen gestellt werden, wird eine Beziehung hergestellt. Fühler werden ausgestreckt. Der erste Schritt auf der Leiter gemacht. Die erste Sprosse erklommen.

Und wer sich darauf einlässt, wer da mitgeht, der macht die Erfahrung, dass sich schon etwas ändert.
Der Blick. Die Einstellung. Die Haltung. Der Atem.
So dass ich vielleicht von neuem erkenne, wer Gott ist und wer er für mich ist.

Dass ich erkenne, dass er mich gerufen hat.
Dass er mich in der Taufe zu seinem Kind und Erben bestimmt hat.
Und dass das gilt – über mein Leben und Sterben hinaus.
Singend wird mir bewusst, was ich sonst kaum zu glauben vermag: Es gibt nichts, was mich von Gott und seiner Liebe trennen kann.
Singend gehen mir die Augen auf und ich entdecke Gott in allen Dingen.
Und: In allen Dingen erkenne ich ihn.
Denn Gott ist treu.
Und in seiner Treue ist mein ganzes Leben gehalten und getragen – auch in seinen schrecklichen und traurigen, auch in seinen abgründigen und verzweifelten Phasen.

Liebe Gemeinde,
das sind keine theoretischen Abhandlungen über den Glauben und das sind auch keine abstrakten Richtigkeiten.
Das ist – wenn wir auf das Leben von Paul Gerhardt schauen - durchlittener und durchlebter, dem Leben und Gott selbst abgerungener Trost.
Ein Trost, der trotzig daher kommt, der die Welt und ihre Eitelkeit verachtet. Der die Vergänglichkeit alles Irdischen betont und der nicht müde wird, die Liebe Gottes zu preisen. Deshalb gilt:

„Alles Ding währt seine Zeit,
Gottes Lieb in Ewigkeit."

Vielleicht, liebe Gemeinde, haben die Mütter und Väter der Gründergeneration uns damit das größte Geschenk gemacht, dass sie der neu gebauten Kirche den Namen Paul-Gerhardt Kirche gaben und uns Spät- und Nachgeborenen, die nun das Erbe zu verwalten und gestalten haben, eine Hilfe --- auch eine Hilfe zum Verstehen und zum Leben und zum Bewältigen – mit an die Hand gegeben haben.
Klar, sie haben das damals nicht wissen können --- und auch nicht für möglich gehalten.
Sie haben in Paul Gerhardt den protestantischen unbeugsamen Glaubenshelden gesehen --- dass er uns heute zum Tröster und Seelsorger ist ein Geschenk und ein Wink vom Himmel.

Und wie ein Zeichen dessen, der zum Volk Israel im babylonischen Exil durch den Propheten gesagt hat:
Siehe, ich will ein Neues schaffen.
Jetzt wächst es auf.
Erkennt ihr`s denn nicht?

Gebe uns Gott seinen heiligen Geist, damit wir sehen, was ER wachsen lassen will an Neuem unter uns --- damit wir Früchte bringen. Früchte des Geistes.
Früchte des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung. Früchte, die bleiben in Ewigkeit.
Amen