Gottesdienst zur Investitur   Predigt über Hesekiel 34 (Reihe III)


Liebe Gemeinde!


Es ist heute über das Prophetenbuch Hesekiel, Kapitel 34 zu predigen. Vordergründig gewiss kein gefälliger Text für eine Investitur. Hirten und Pfarrherren, Pastoren und Politiker, Führungskräfte und Vorstände kommen darin sehr schlecht weg. Alle öffentlichen und hervorgehobenen Amtsträger schneiden erschreckend miserabel ab. Als Verantwortliche kriegen sie ein verheerendes göttliches Zeugnis.

Ich gestehe offen: ich zuckte zurück bei dem Gedanken, darüber heute zu predigen, ausgerechnet heute, am freudig erwarteten Feste der Investitur. Aber dann fiel mir der Satz unseres ehemaligen Ulmer Dekans Theophil Askani ein, der einmal sagte1:

Vorgegebene Predigttexte „empfinde ich als eine Wohltat, weil man auf diese Weise gezwungen ist, mit einem Wort, das einem vielleicht gar nicht liegt und das man sich auch gar nie ausgesucht hätte, zu ringen!“

So war es! So ist es! Und so lese Ihnen jetzt das Wort, das ich selber mir wohl niemals für heute freiwillig ausgesucht hätte. Es ist ein Wort, mit dem ich in den vergangenen Tagen gerungen habe2. Das Wort zum heutigen Sonntag Misericordias Domini!

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1          in: Martin Hauff, Theophil Askani – Prediger und Seelsorger aus Passion, Stuttgart 1998, S. 210

2          Übersetzung basiert zunächst auf Martin Luther, nach: Predigttexte der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, Ausgabe Stuttgart 2001, S. 206.207 und dann auf Jörg Zink, Das Alte Testament, Stuttgart-Berlin 1978, 8. Aufl., S. 388
(1)       Und des Herrn Wort geschah zu mir:

(2)       Du Menschenkind, weissage gegen die Hirten Israels,
            weissage und sprich zu ihnen:
            So spricht Gott der HERR:
            Wehe den Hirten Israels, die sich selber weiden!
            Sollen die Hirten nicht die Herde weiden?
(3)       Aber ihr trinkt die Milch,
esst das Fett und kleidet euch mit der Wolle
            und schlachtet das Gemästete,
            - aber die Schafe wollt ihr nicht weiden.

(4)       Das Schwache stärkt ihr nicht
            und das Kranke heilt ihr nicht,
            das Verwundete verbindet ihr nicht,
            das Verirrte holt ihr nicht zurück
            und das Verlorene sucht ihr nicht;

            [...]

(5)       Und meine Schafe sind zerstreut,
            weil sie keinen Hirten haben,
            und sind allen wilden Tieren zum Fraß geworden
            und zerstreut.
(6)       Sie irren umher auf allen Bergen
            und auf allen hohen Hügeln
            und sind über das ganze Land zerstreut
            und niemand ist da,
            der nach ihnen fragt oder auf sie achtet.

            [...]

(10)     So spricht Gott der HERR:
            Gebt acht!
            Siehe, [...] ich will ein Ende damit machen,
            dass sie Hirten sind, ich will die Hirten fassen
            und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden.

            Ich will meine Schafe erretten aus ihrem Rachen,
            dass sie sie nicht mehr fressen sollen.

(11)     Denn so spricht Gott der Herr:
            Siehe, ich will mich meiner Herde selber annehmen
            und sie suchen.
(12)     Wie ein Hirte seine Schafe sucht,
            wenn sie von seiner Herde verirrt sind,
            so will ich meine Schafe suchen und will sie erretten.

            [...]

(14)     Ich will sie auf beste Weide führen,
            und auf den hohen Bergen in Israel
            sollen ihre Auen sein;
            da werden sie auf guten Auen lagern und
            fette Weide haben auf den Bergen Israels.
(15)     Ich selbst will meine Schafe weiden,
            und ich will sie lagern lassen,
            spricht Gott der HERR.

(16)     Ich will das Verlorene wieder suchen
            und das Verirrte zurückbringen
            und das Verwundete verbinden
            und das Schwache stärken
            und das Kräftige bewahren!
            Ich will sie weiden, wie es recht ist.

(31)     Ja, ihr sollt meine Herde sein,
            die Herde meiner Weide,
            und ich will euer Gott sein,
            spricht Gott der HERR.                                AMEN.







Liebe Gemeinde!

Nichts war es mit der schönen Investitur. Das Fest ist aus. Das schiere Gegenteil wird hier gefeiert: Amtsenthebung, Vertreibung aus dem Hirtenamt. Gott hebt an zur fundamentalen Generalkritik, zu einer totalen Dienstaufsichtsbeschwerde:

Das Schwache stärkt ihr nicht
            und das Kranke heilt ihr nicht,
            das Verwundete verbindet ihr nicht,
            das Verirrte holt ihr nicht zurück
            und das Verlorene sucht ihr nicht!“


Das irdische Hirtentum scheint am Ende. Die menschliche Hirtenarbeit hat auf breiter Front versagt, sie ist pervertiert. Es hagelt nur noch göttliche Abmahnungen. Nein, nicht einmal eine Abmahnung ist das zuletzt, es ist der Schlusspunkt:

„So spricht Gott der HERR:
            ‚Gebt acht!
            Siehe, [...] ich will ein Ende damit machen,
            dass sie Hirten sind, ich will die Hirten fassen
            und sie sollen sich nicht mehr selbst weiden!’“



Wenn man als „Hirte“ im geistlichen Amt diese Zeilen liest, erschrickt man gründlich. Das ist wahrlich keine pastorale Erbauungslektüre. Gott hat offenbar schon einige Zeit zugeschaut und konnte die Zustände in der Herde nicht mehr länger aushalten. Und jetzt spricht er sein Machtwort.

Und ich lese diese Zeilen als Mahnung auch für meine Ulmer Dienstzeit. Es soll ein Ansporn sein. Und es relativiert meinen Dienst hier an der Donau ganz gewaltig.

Das Gute an dem Bibelwort ist, dass nicht alles niedergemacht wird. Das Wort endet nicht in Schutt und Asche, auch nicht im Zorn. Es bleibt nicht nur die harsche Abrechnung mit israelitischen Führungskräften und Leitungspersönlichkeiten. Es entsteht auch ein positives Bild. Ein Gegenbild, ja, das Bild wahren Hirtentums.

Man bekommt – jedenfalls im zweiten Teil – eine sehr klare Vorstellung davon, was Gott selbst letztlich will und was er von denen erwartet, die zu Hirten wirklich berufen sind, wenn sie denn im Namen unseres Gottes einen Hirtendienst annehmen.


Liebe Gemeinde!

Schauen wir uns das einfach einmal genauer an:

Gott spricht:

Ich will das Verlorene wieder suchen
            und das Verirrte zurückbringen
            und das Verwundete verbinden
            und das Schwache stärken
            und das Kräftige bewahren!
            Ich will sie weiden, wie es recht ist.


Die echten Ulmer werden jetzt vielleicht denken: das klingt ein bisschen wie eine Schwörmontagsrede. Wäre Hesekiel ein Ulmer, und ein bisschen vertraut mit den schönen Ulmer Traditionen und Wertvorstellungen, so würde er vielleicht antworten: Ja, das ist Gottes großer Schwörmontag.


Kleiner Exkurs an dieser Stelle für alle „Nicht-Ulmer“ hier im Gotteshaus: am berühmten „Ulmer Schwörmontag“ verspricht die Führung der Stadt, die Sache der Politik gut zu machen im Sinne von Demokratie und sozialer Gerechtigkeit. Wörtlich lautet der mittelalterliche historische Schwur von 1397:

„Wir wollen reichen und armen Menschen ein gemeiner Mann sein in den gleichen, gemeinsamen und redlichen Dingen ohne allen Vorbehalt!“ 3

Und der Oberbürgermeister von Ulm aktualisiert regelmäßig diesen alten Schwur, indem er ausführt, was der Wortlaut für die Gegenwart bedeutet. 2004 interpretierte der Ulmer Oberbürgermeister den edlen Schwursatz folgendermaßen: „Die Schwächeren und die Stärkeren möchte ich zusammenführen in einer solidarischen Stadt.“ Eine vorzügliche urbane Tradition ist das, - finde ich!


Kehren wir nach diesem kurzen Ausflug in die Ulmer Stadtgeschichte wieder zurück zum „biblischen Schwörmontag“ des Propheten Hesekiel.


Gott, der HERR, spricht:

Ich will das Verlorene wieder suchen
            und das Verirrte zurückbringen
            und das Verwundete verbinden
            und das Schwache stärken
            und das Kräftige bewahren!
            Ich will sie weiden, wie es recht ist.



Liebe Gemeinde,

es ist nicht mein Regierungsprogramm. Das ist auch nicht meine Antrittsrede und keineswegs meine Antrittspredigt. Solche großen Worte kann und will ich nicht in den Mund nehmen, selbst wenn der Anlass dazu heute vordergründig passend, vielleicht auch feierlich und bewegend wäre.
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3          hinterlegt in: http://zserver.ulm.de

Gott erteilt letztlich keinem Menschen diesen Auftrag an sich. Wer sagt: dies Wort Hesekiels sei doch das evangelische Hirtenamt, ein pfarramtlicher Dienstauftrag, der übertreibt. Und auch das katholische Hirtenamt kann so groß nicht sein, selbst wenn ich mit der Weltchristenheit dankbar bin, dass da ein Papst sein Amt im breitesten Format eindrücklich ausgelebt hat.

Aber: Nicht von ungefähr enthebt Gott vor seinem großen Schwörmontag alle menschlichen Pastoren, Hirten und Pfarrherren, die Politiker, Führungskräfte und Vorstände. Und er feiert an deren Stelle selber  I n v e s t i t u r .

Gott sagt hier selber: „Ich will!“ Es fragt ihn da kein Dekan, so wie mich der Dekan heute fragte, ob ich meine Amtsverpflichtung denn bejahen wolle. Gott sagt es ganz von sich selbst heraus und er sagt es mehrfach: „Ich will!“ Aus eigener Souveränität und Autorität heraus.

Sieben Mal sagt Gott hier übrigens: „Ich will!“ Und so trägt Gott die Verantwortung! Gott selbst feiert Investitur, er bekleidet sich mit dem Hirtenamt, er trägt selbst das Amt.

Und weil es Gott so sagt, entlastet das zunächst einmal uns Menschen. Der Mann über dem Kircheneingang dieses Gotteshauses, Martin Luther 4, sang 1529: „Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren!“ – Das gilt auch hier. Das ist die ehrliche Einsicht in Grenzen. Und der Chor wird diese Grenze nachher sogar besingen. Sehr nüchtern und realistisch stellte Luther, der Reformator, weiter fest: „Glaube bloß niemand, dass Prostanten oder Reformierte die besseren Leute wären als Katholiken!“ – Liebe Gemeinde! Die Bibel erläutert hier also mitnichten eine menschliche Investitur. Es ist allein die göttliche Investitur ins Hirtenamt. Gott ist und bleibt allein der wahre Hirte: „Der Herr ist mein Hirte und dein Hirte!“
(Psalm 23).
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4                      in: Evangelisches Gesangbuch EG 362, Strophe 2

Das, liebe Gemeinde, entlastet vor allem einmal die Amtsträger in Kirche und Politik. Sie können und brauchen es im Letzten auf dieser Welt nicht selbst richten. Die Bürde und Last der letzten Verantwortung ruht nicht auf uns. Und so will ich das Wort also heute hier in der Martin-Luther-Kirche auch als Wort der Entlastung hören. Menschen spielen dann immer nur noch eine Nebenrolle. Menschen steht die Zentralrolle gar nicht zu! „Der Herr ist Hirte!“


Und ein letzter Gedanke:

Nachdem es nun einmal der heilige göttliche Wille ist,

das Verlorene wieder zu suchen
            und das Verirrte wieder zurück zu bringen
            und das Verwundete zu verbinden
            und das Schwache zu stärken
            und das Kräftige bewahren!


- ja, so dürfen wir Menschen dabei ganz gewiss mitwirken. Die Marschrichtung ist durch diesen „göttlichen Schwörmontag“ vorgegeben. Wir sollen und dürfen mitwirken, wenn Gott seinem „Hirtenprogramm“ im Rahmen seiner Investitur die Sozialgestalt gibt.

Wir sind nicht selbst die großen Hirten, auch nicht die Seelenführer und Heilande, in unserer Kirche sind es bestimmt auch nicht die „Heiligen Väter“, mögen sie noch so charismatisch sein. Nein, da bleibt uns dezente Zurückhaltung geboten. Und dennoch ist klar, wo unser Auftrag im Sinne einer Mitarbeit zu sehen ist.

        Wir können nicht wirkliche Kirche sein wollen, ohne die Diakonie und die Caritas. Wir können nicht Kirche sein wollen, ohne Schuldnerberatungsstelle und Weltläden, Vesperkirchen, Kindergärten und Diakoniestationen.

        Wir können Kirche nicht glaubhaft darstellen ohne die Jugend-, Betriebs-, Gefängnis-, Alten- und Krankenseelsorge. Wenn wir es anders anpacken würden, wenn wir uns also nur selber wieder weiden und erbauen würden, wenn wir das Volk Volk bleiben lassen würden, wären wir ein Fall für die göttliche „Amtsenthebung“. Auch in der Nebenrolle! Wir sollen diese Nebenrolle allen Ernstes spielen.

        Wir haben nun einmal im Namen Gottes die soziale Gestalt einer Stadt auch als Kirche mitzuprägen, so wahr wir diesen Gott haben und an diesen Gott glauben, den uns Hesekiel heute verkündigt. Wir haben Teil an Gottes Hirtenamt!

Jesus hat diesen „göttlichen Schwörmontag“, der im Prophetenbuche Hesekiel niedergeschrieben ist, noch verfeinert, wenn er sagt, dass wir uns an den sechs Werken der Barmherzigkeit bewähren sollen:

Es sei erinnert an

        die Speisung der Hungrigen
        die Tränkung der Durstigen
        die Beherbergung der Fremden
        die Bekleidung der Nackten
        die Betreuung der Kranken und
        an die Besuche bei Gefangenen.

Jesus war es, der das Verlorene ganz praktisch aufsuchte, der den Zöllner vom Baum herabholte und die Gleichnisse vom Verlorenen predigte und lebte. Was Hesekiel als „göttliches Investiturprogramm“ vorstellt, wird in Jesus dann anschaulich und konkret. Und dieser Hirte ruft jeden in die Nachfolge.





So gestaltet der große Hirte aller Hirten, Christus, unser auferstandener Herr und Meister, das Hirtenamt in der Einheit mit seinem Vater aus und illustriert es. Hier trägt uns eine Brücke vom Alten Bund zum Neuen. Und wir haben Anteil am göttlichen Hirtenamt, so wahr uns Jesus in seine Nachfolge beruft.

Möge Gott uns allen, die wir in der Kirche von Ulm wirken, die Kraft schenken, in diesem Sinne Anteil zu nehmen am großen göttlichen Hirtenamt.

AMEN.


Pfarrer Andreas Wiedenmann,
Reformationsgemeinde Ulm