Karfreitag                                  Joh.19,16-35                                                    25.3.2005

Liebe Karfreitagsgemeinde!
Es fällt schwer, nach diesen Worten zu reden. Was dort auf Golgatha geschehen ist - wer mag es ermessen, wer kann das fassen? Was dort, draußen vor dem Tor geschah, das ist für unsern Verstand zu groß. Unser Begreifen bleibt Stückwerk, und wenn es noch so tief reicht. Unsere menschlichen Begriffe, auch die ganz großen von "Sühnetod", Stellvertretung und Opfer treffen immer nur einen Teil der Wahrheit. Es ist aber nicht schlimm, wenn unser Verstand heute an seine Grenzen kommt. Hier geht es andersherum, liebe Schwestern und Brüder! Nicht wir begreifen, sondern wir werden ergriffen! Durch das, was da passiert ist. Durch diesen ohnmächtig mächtigen Jesus. "Nicht dass ich´s schon ergriffen hätte", schreibt Paulus, "aber ich jage ihm nach, ob ich´s wohl ergreifen könnte, weil ich von Jesus Christus ergriffen bin." Dieses Ergriffenwerden beginnt, wo wir merken: am Karfreitag gibt es keine Zuschauerrolle. Unterm Kreuz stehen keine Unbeteiligten. Ich und Du, wir sind längst verwickelt in dieses Geschehen. Und was dort Unheimliches geschieht, das geschieht auch wegen mir und: Für mich!" Und der das gesehen hat, der hat es bezeugt und sein Zeugnis ist wahr und er weiß, dass er die Wahrheit sagt, DAMIT AUCH IHR GLAUBT." Dieser letzte Vers ist ein Schlüssel für das ganze Johannesevangelium. Es ist die einzige Stele, an der sich der Autor selbst zu Wort meldet. Hier unterm Kreuz, da muss er´s einfach sagen: ich war mit dabei, als der Fürst des Lebens starb. Ich bin Augenzeuge! Seinen Namen nennt er nicht: Jesus ist wichtig, nicht seine Person. Aber es kann nur einer sein: jener " Jünger, den der Herr lieb hatte ", wie der sich im Evangelium gelegentlich selbst umschreibt. Der einzige männliche Jünger unterm Kreuz: Johannes, der Sohn des Zebedäus. Liebe Gemeinde! Mit diesem Bibeltext kommen wir atemberaubend dicht heran an Jesu Sterben. Meiner Überzeugung nach weit näher, als durch die anderen Evangelien. Johannes setzt deren Kenntnis schon voraus. Er schreibt sein Evangelium spät, im hohen Alter. Und er muss nicht mehr alles wiederholen, was schon bei den andern steht: von den genauen Zeitabläufen der Kreuzigung, vom Spott, den Jesus ertragen musste, von seinem Schrei der Gottverlassenheit, vom Hauptmann, der bei Jesu Tod zu glauben beginnt. Er setzt das alles voraus; aber er weiß mehr als die anderen Evangelisten. Details über die Kreuzesinschrift - König der Juden, dreisprachig, mit den Weltsprachen Latein und Griechisch. Pilatus will sich damit an den Führern der Juden rächen, weil sie ihn zu dieser Kreuzigung in gewisser Weise erpresst haben. In Gottes Regie muss damit der Heide Pilatus dafür sorgen, dass die ganze Welt erfährt, wer Jesus ist! Johannes kennt Einzelheiten über die Verteilung von Jesu Kleidern, er allein weiß um die fürsorgliche Szene zwischen Jesus, Maria und ihm, um das Beine brechen bei den anderen Verurteilten, um den Lanzenstich in Jesu Herz. Aber Johannes ergänzt nicht nur. Johannes sieht tiefer, viel tiefer, was am Karfreitag geschieht. Nicht nur das, was eine Filmkamera hätte aufnehmen können - als ob Film- oder Videokameras je die Wahrheit eines Geschehens erfassen könnten! „Es ist vollbracht.“ Das wäre meinem Urteil nach nicht auf dem Band draufgewesen, noch nach dem Schrei der Gottverlassenheit. Und trotzdem ist es wahr, und Johannes hört das. Der Augenzeuge Johannes sieht und hört, was sich Ungeheuerliches abspielt zwischen Himmel und Erde. Und im Abstand der Jahre sieht und hört er´s erst so richtig, was in Wahrheit in der Person des geschundenen Jesus passiert. „Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit kommen wird, dann wird er euch in die ganze Wahrheit leiten.“ Im Abstand der Jahre sieht und hört Johannes erst so richtig. Auch wir begreifen ja manches in unserem Leben erst nach Jahren. Johannes´ Glaubenserfahrung und seine Erfahrung als Augenzeuge vor mehr als 50 Jahren verschmelzen in diesem Bericht. Und er begreift so tief, weil er so tief ergriffen ist, von diesem Herrn. Johannes begreift: am Kreuz geschieht Wahrheit. In diesem abstoßenden und grausamen Schauspiel entäußert Gott sein Wesen - FÜR UNS, FÜR ALLE ZEITEN, UNAUSLÖSCH-LICH; UNVERRÜCKBAR, UNÜBERBIETBAR. „Es ist vollbracht.“ Gott entäußert in der Jammergestalt Jesu sein ewiges Wesen. Er zeigt sich uns, er handelt, wie er ist: als Wahrheit, als Verlässlichkeit in Person, als dienende Liebe, die uns sucht, die unsere Verlorenheit durchbricht und dabei bis zum Äußersten geht. Am Kreuz kann ich ablesen, wie weit Gott für mich geht, wie viel ich ihm wert bin - trotz allem.„Und wie er die Seinen geliebt hatte, so liebte er sie bis ans Ende.“ Bis ans Telos. Ende, Äußerstes, Vollendung, Ziel. Alles steckt in diesem Wort. tetelestai, es ist vollbracht, vollendet, am Äußersten, am Ziel. Das ist das gleiche griechische Wort. In Jesu bitterer Selbsthingabe wird die WAHRHEIT vollbracht, kommt die Wahrheit ans Licht. Die herrliche Wahrheit über Gottes Liebe, und zugleich die schändliche Wahrheit über diese Welt. Wie die Gläubigen, die Freunde, die Nachfolger ihn verraten und verlassen. Wie ihn die Masse und die Jünger verkennen, total missverstehen. Die religiöse Vermessenheit und politische Verblendung der Feinde - bis hin zum Gottesmord. Das ist die Welt, so sind WIR. So sind nicht bloß die anderen, die Bösen. Das steckt auch in uns! Wer in sein Herz schaut, wird fündig. Und UNS nimmt Gott in diesem Geschehen an! Johannes sieht mehr als die Filmkamera, auch in Bezug auf Jesus. Er beschreibt nicht mehr die leiblichen Qualen des Gekreuzigten. Er setzt sie voraus. Aber er nimmt in der größten Niedrigkeit die göttliche Hoheit Jesu wahr, sein Königtum. In seiner Tiefenschau ist Jesus durchgängig der Handelnde, der eigentliche Regisseur. Er trägt sein Kreuz selbst. ER ordnet die Zukunft seiner Mutter. ER stirbt seinen Tod. Jesus stirbt nach Johannes nicht einfach weg, er neigt bewusst das Haupt und gibt den Geist auf, gibt ihn freiwillig hin. Das ist die göttliche Wahrheit, jenseits des Augenscheins. Auch der schreckliche Kreuzestod kann Jesus nicht hindern, alles zu vollbringen - ganz im Gegenteil. Hier ist alles vollbracht - alles, was wir brauchen, zum Leben und Sterben in ihm, alles was die Not dieser Welt wenden kann. „Es ist vollbracht.“ Gebet: Es ist vollbracht. Nicht nur dein Leiden Herr, ist ausgestanden, nicht nur der Glaube hat sich bewährt. Dein Weg, der herkommt von Gott und zurückkehrt zu ihm, ist vollbracht. Die Liebe Gottes hat sich in dir hineingesenkt in die Welt und Sünde und Tod besiegt. Du kehrst zurück zum Vater, doch du gehst nicht allein. Dein Kreuz verbindet Himmel und Erde. Du nimmst die Glaubenden hinein in dein Einssein mit dem Vater, und dein Tod erschließt uns das Leben. Wir beten dich an, unser Heiland und Erlöser. AMEN 
Pfarrer Volker Bleil