Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, liebe Eltern, liebe Gemeinde,

unsere Martin-Luther-Kirche ist ein ganz spannendes Bauwerk. Wir sind im Konfirmandenunterricht um diese Kirche mehrfach herumgewandert, haben aber auch in ihr so manche Ecke angeschaut. Das Versteck in der Orgel zum Beispiel, in dem Sophie Scholls subversive Briefe vor 65 Jahren versandfertig gemacht wurden. Oder: den goldenen Sternenreigen ganz oben auf der Kirchturmspitze!

jakobmu.jpg (13994 Byte) Ein kleines Detail habe ich Euch noch nicht gezeigt. Auf dieses bin ich aber dennoch sehr stolz und ich habe diese Sache auf dem Gottesdienstprogramm heute abgedruckt.

Es ist das kleine Wanderschild an der Nord-Ost-Ecke unserer Kirche. Das Schildchen ist gerade einmal zehn auf zehn Zentimeter groß. Darauf zu sehen ist eine große Atlantikmuschel und zwei gekreuzte Wanderstäbe.

Was soll das? Hat dieses Schildchen etwas zu tun mit der berühmten Mineralölgesellschaft, die an Tankstellen Benzin und Diesel im „Zeichen der Muschel" verkauft? „Shell"? Ist das Sponsoring?

Oder geht es hier zu einem Fischgeschäft, wo es leckere Muscheln und Meeresdelikatessen zum Essen gibt?

Nun: dieses blaue Schildchen kam jetzt genau vor zehn Jahren an unsere Martin-Luther-Kirche. Wir wurden damals offizielle Station eines europäischen Fernwanderweges, der von Deutschland nach Santiago de Compostela führt. Und dieser Fernwanderweg heißt „Jakobsweg". Der Weg gehört insgesamt zum europäischen UNESCO-Kulturerbe und er ist damit unter politischen Schutz gestellt.

Kennzeichen des Apostels Jakob ist die Jakobsmuschel und dazu der gekreuzte Wanderstab. Tausende solcher Schilder sind inzwischen entlang dieses Fernwanderweges zu finden.
Wer an unserer Martin-Luther-Kirche loswandert, der kommt erst nach 2.485 Kilometern ans Ziel. Hundert Kilometer davon habe ich mit dem Mountainbike schon zurückgelegt, hundert weitere Kilometer habe ich zu Fuß bisher abgeschritten. Das sind bei mir also noch nicht einmal zehn Prozent der einfachen Strecke. Aber immerhin, der Anfang auf diesem weiten Weg nach Spanien ist für mich gemacht.

Und wer auf diesem besonderen und geheimnisvollen Weg unterwegs ist, einen Rucksack aufhat und diese Muschel an der Jacke baumeln hat, der ist ein echter, wirklicher „Pilger".

Hape Kerkeling hatte vor einiger Zeit die Idee, diesen Weg auch einmal zu begehen, als Pilger. Sein Bericht - ein Bestseller unserer Tage - heißt: „Ich bin dann mal weg!"

Jedes Jahr sind aber über 100.000 Pilger auf diesem Weg. Manche sitzen gelegentlich still in unserer Martin-Luther-Kirche und tanken Kraft, bevor sie dann unseren steilen Kuhberg hoch keuchen und weitergehen nach Grimmelfingen, zur nächsten Jakobskirche.
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Bild: Der Heilige Jakob von Grimmelfingen


Bis zum Abend müssen sie dann immer in Oberdischingen sein, erst dort ist die Pilgerherberge für die Nacht. Erst dort gibt es für den müden Pilger ein Nachtessen, eine Dusche und ein Bett.
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Bild: Der Heilige Jakob von Oberdischingen, im Hintergrund die Herberge!

Was will uns das sagen?

Nun: die Bibel behauptet, dass wir in dem Moment, in dem wir uns auf Jesus und auf das Christentum einlassen, auch „Pilger" sind. Wir sind nicht so sesshaft auf dieser Erde, wie wir manchmal denken. Und unser Leben gleicht eher einem W e g , unser Leben bedeutet, einem Ziel entgegen zu gehen. Daran will der Brief an die Hebräer erinnern, der im Neuen Testament zu finden ist. Dort sagt der Apostel seiner Gemeinde:

„Lasset uns laufen mit Geduld
in dem Lauf, den wir angetreten haben
und dabei aufsehen zu Jesus,
dem Anfänger und Vollender des Glaubens!
Er ist uns auf dem Weg des Vertrauens vorausgegangen
und er bringt uns auch ans Ziel!"


Liebe Gemeinde!

Klar: bei diesen Worten ist noch nicht vom „Jakobsweg" die Rede. Den gab es zwar schon vor 800 Jahren, aber noch nicht vor 2.000 Jahren, als die Bibel entstand. Jakob war damals ein Jünger und mit Jesus zusammen viele Kilometer unterwegs.

Aber der „Jakobsweg" ist mit diesem Lauf nicht speziell gemeint. Eher kann und soll man in diesem „Lauf" ein Gleichnis für den Lebenslauf sehen.

Das Leben als Christin und als Christ gleicht einem Fernwanderweg mit verschiedenen Etappen. Und da kann man auch ganz natürliche Etappen benennen:

Liebe Eltern!

Wissen Sie noch, als Ihr Konfirmand und Ihre Konfirmandin geboren wurden?

Als dieses Ihr Kind getauft wurde,
als unter Schmerzen der erste Zahn kam,
als es plappern und sprechen lernte,
als es in den Kindergarten kam,
als die erste Fahrradfahrt ohne Stützrädchen klappte,
als die Schule anfing und die Schultüte voll gestopft wurde.

All dies sind solche wichtigen Etappen auf dem Lebensweg, letztlich auch Stationen auf einem persönlichen „Pilgerweg".

Das ist nun ein ganz besonderer Wegabschnitt, der mit diesem heutigen Fest hinter Ihnen liegt. Es ist der Streckenabschnitt: von der Geburt bis zur Konfirmation. Mein Vater sagt immer: „Nach der Konfirmation fing für mich das Leben an!" Das hieß: ab da musste er erst einmal regelmäßig zur Arbeit gehen, weil auch die Schulzeit mit diesem Fest vorbei war.

Dieser Weg von der Geburt zur Konfirmation verging bei Euch vielleicht wie im Flug. Und die nächsten Streckenabschnitte werden jetzt auch schon scharf in den Blick genommen. Schon bald kommt vermutlich

ein Abschlussball in Sichtweite,
dann vielleicht die Fahrschule mit ihren Prüfungen,
dann der Schulabschluss.

Man ist - ob man es nun will oder nicht – in seinem Leben ein Pilger. Jede Station drängt zu einer weiteren Station: der Kindergarten will durch die Grundschule abgelöst werden und auch jede noch so schöne Schulzeit geht einmal zu Ende! Und wir wandern in unseren irdischen Tagen von Station zu Station, werden unterwegs älter und reifer und stellen fest, wie der Weg, der bereits hinter uns liegt, immer länger wird.

Das sind Gedanken, die mir selbst beim Pilgern gekommen sind. Freilich sind das Selbstverständlichkeiten; und doch sind diese Dinge uns nicht durchweg immer gegenwärtig.
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Bild: Pfarrer Andreas Wiedenmann (rechts mit Stöcken) beim Jakobspilgern im Jahr 2006 auf dem hölzernen Seesteg des Zürcher Sees bei Rapperswil (Schweiz), außerdem Pfarrer Ralf Häußler (Wiblingen, in rot), Dekan Ernst-Wilhelm Gohl (Ulm, im Karo-Hemd) und Pfarrerin Isabella Lehnert (Wiblingen, in gelb).

Kürzlich sagte mir jemand: Ich bin als Ulmer geboren, ich war schon immer ein Ulmer und ich werde auch immer ein Ulmer bleiben. Dieser Gesprächspartner ist das Gegenteil dessen, was wir einen „Pilger" nennen. Die Bibel würde freilich sagen: das ist gar nicht die ganze Wahrheit. Jeder Mensch, der zur Welt kommt, wird doch letztlich zum „Unterwegssein" geboren, auch im wunderschönen Ulm.

Das Schild mit den Wanderstöcken an unserer Martin-Luther-Kirche gibt uns zu bedenken, dass auch unser Ulm nur eine Lebensstation untern anderen sein kann. Das Schildchen erinnert uns daran, dass wir in Wirklichkeit noch nicht zuhause sind, sondern unterwegs.

Das Bild vom „Unterwegssein" und „Wandern" verwendet die Bibel viel häufiger als das Bild vom „Festsitzen". Martin Luther kennt sogar noch das elegante Wort „wandeln".

„Lasset uns laufen mit Geduld, - wir wollen geduldig wandeln -
in dem Lauf, den wir angetreten haben
und dabei aufsehen zu Jesus,
dem Anfänger und Vollender des Glaubens!
Er ist uns auf dem Weg des Vertrauens vorausgegangen
und er bringt uns auch ans Ziel!"

Diesen Bibelvers haben vor 800 Jahren schon verschiedenste Christinnen und Christen gehört. Und weil sie von diesem geheimnisvollen „Weg des Vertrauens" wussten, deshalb haben sie sich eine Muschel ans Kleid genäht und sind mit dem Stock in der Hand und einer baumelnden Trinkflasche am Gürtel losgezogen.
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Bild: Jakobspilger im Ulmer Münster

Ein mir bekannter Archäologe, der mittelalterliche Gräber und Friedhöfe untersucht, erzählte mir ein spannendes Detail. Er erzählte, dass er sogar feststellen konnte, wie sich die Menschen im Mittelalter mit der Muscheljacke und mit dem Pilgerstock in der Hand begraben ließen. Die Muscheln blieben nämlich auch nach 800 Jahren noch ganz. Diese Christen wollten auch noch im Tod zum Ausdruck bringen: Leute, wir sind „Pilger", wir sind unterwegs gewesen, ja, wir sind immer noch unterwegs zu Gott. Da ist unsere Heimat. Wir waren Wanderer und wir waren Gast auf dieser Erde, diesem schönen Stern. Aber wir sind da nicht sesshaft, wir kleben nicht fest. Unser Weg führte über Felder und durch Wälder, über Seen und Gebirge, durch Städte und Dörfer. Aber nirgends bleiben wir wirklich haften, weil wir einen Weg zurücklegen, der ein Ziel kennt.

Liebe Gemeinde,

mit dem heutigen Konfirmationssonntag wollen wir neu lernen, dass auch wir Pilger sind. Ihr Jugendlichen habt im Konfirmandenunterricht Euren Rucksack hoffentlich ordentlich gefüllt mit den wichtigsten Dingen, die zum christlichen Leben gehören: das „Gebot der Liebe" habt ihr genauso gelernt wie den Weg Jesu, den er gegangen ist. Das „Glaubensbekenntnis" spricht davon.

Und wir gehen mit dem heutigen Tag ja nicht auseinander. Nur eine Ausnahme gibt es: einer von uns wird an den Jakobsweg nach Bern in die Schweiz weiterziehen, vierhundert Kilometer nach Süden. Aber wir anderen, wir bleiben ja vorläufig hier in Ulm und bei Ulm und in Grimmelfingen, wir bleiben als „Gemeinde der Pilger" in der Nachfolge Jesu zusammen.

Wir werden uns hoffentlich nicht allzu krass aus den Augen verlieren, sondern werden uns gegenseitig begleiten. Und die nächste Station heißt auch nicht „Goldene Konfirmation" in fünfzig Jahren - hoffentlich nicht! - sondern da gibt es nähere Stationen.

Wir feiern hier keine „evangelische Abschiedsparty" des Nimmerwiedersehens, sondern wir feiern als Kirche heute, dass wir Euch als Mitpilger in der Gemeinde voll ernst nehmen wollen. Ihr könnt ab sofort sogar Patentante und Patenonkel sein, also verantwortungsvolle Wegbegleiter auf dem Weg junger Kinder und Eltern. Und ihr dürft in allen Kirchen mit Traubensaft und echtem Wein künftig das Heilige Abendmahl mitfeiern.


Das wichtigste aber ist: ihr pilgert nicht allein, ihr seid nicht allein unterwegs:

„Lasset uns laufen mit Geduld
in dem Lauf, den wir angetreten haben
und dabei aufsehen zu Jesus,
dem Anfänger und Vollender des Glaubens!
Er ist uns auf dem Weg des Vertrauens vorausgegangen
und er bringt uns auch ans Ziel!"

Dieser Jesus ist also dabei, er ist

mit Euch und
über Euch,
unter Euch und
vor Euch,
in Euch und
hinter Euch,

wie der alte irische Pilgersegen es so schön zum Ausdruck bringt. Um das sichtbar zu machen, seid ihr heute auch in diese Kirche gekommen. Ihr werdet in dieser Kirche niederknien und ganz persönlich diesen Segen Gottes für eueren eigenen Fernwanderweg in der Nachfolge Jesu bekommen. Und ich werde euch zum Abschluss der Konfirmandenzeit die Schale einer echten Jakobsmuschel schenken, die euch daran erinnern wird, dass ihr auf dem Weg des Glaubens seid. Und ich werde euch einen Spruch aus der Bibel mit auf den Weg geben, der Führung und Trost, Orientierung und Freude vermitteln soll.

Und wir werden für euch beten, dass ihr dann alle einmal in Geduld das Ziel des Glaubens erreicht, die fröhliche Gotteskindschaft im Reich unseres Herrn. Wir wollen Gott bitten, dass er aus den Anfängen des Glaubens bei euch mehr macht, dass ihr wirklich gerne jeden Tag neu als Pilger den Weg Jesu bejahen könnt. AMEN.