Letzter Sonntag.nach Epiphanias       2. Mose 3,1-14   (Reihe III)      Martin-Luther-Kirche Sonntag, den 13.02.11

 

Liebe Gemeinde,
 

die Ägypter jubeln auf dem Tahrir-Platz in Kairo und danken Gott; Muslime und koptische Christen Hand in Hand! Wir werden Zeugen einer historischen Freiheitsbewegung, mit der niemand gerechnet hat. Fast die gesamte arabische Welt steht in diesen Wochen in Flammen und die Diktatoren und Pharaonen zittern, weil ihnen das unterdrückte Volk die Schuhe zeigt. „Let my people go!“

Es ist schon ein seltsamer Zufall: der Predigttext für diesen Sonntag führt uns ebenfalls nach Ägypten. Nicht auf den überfüllten „Platz der Befreiung“, sondern in die menschenleere Einsamkeit des Sinai, zum Gottesberg. In der Bibel heißt er meistens Horeb, die Araber nennen ihn bis heute Dschebel Musa: Moseberg.

Auch der Predigttext erzählt von einer wunderbaren Befreiungsgeschichte, genauer: wie sie anfing. „Let my people go!“ Jene Geschichte, die Israel vor mehr als 3000 Jahren zu dem werden ließ, was es bis heute ist: das Volk Gottes. Sogar die Requisiten sind dieselben: ein trostloses, entfremdetes Leben, plötzlich Feuer, Schuhe spielen eine Rolle. Doch das Wichtigste an dieser Geschichte ist die Selbstoffenbarung Gottes, seine Epiphanie, seine Erscheinung, die hier geschieht. Die Gotteserfahrung, die Mose hier macht, die gilt, auch für uns. Sie ist grundlegend für den biblischen Glauben.

Mose aber hütete die Schafe Jitros, seines Schwiegervaters, des Priesters in Midian, und trieb die Schafe über die Steppe hinaus und kam an den Berg Gottes, den Horeb.

 

Und der Engel des HERRN erschien ihm in einer feurigen Flamme aus dem Dornbusch. Und er sah, dass der Busch im Feuer brannte und doch nicht verzehrt wurde. Da sprach er: Ich will hingehen und die wundersame Erscheinung besehen, warum der Busch nicht verbrennt. Als aber der HERR sah, dass er hinging, um zu sehen, rief Gott ihn aus dem Busch und sprach: Mose, Mose! Er antwortete: Hier bin ich. Gott sprach: Tritt nicht herzu, zieh deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land!

 

Und er sprach weiter: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs. Und Mose verhüllte sein Angesicht; denn er fürchtete sich, Gott anzuschauen. Und der HERR sprach: Ich habe das Elend meines Volks in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe aus diesem Lande in ein gutes und weites Land, in ein Land, darin Milch und Honig fließt, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter. Weil denn nun das Geschrei der Israeliten vor mich gekommen ist und ich dazu ihre Not gesehen habe, wie die Ägypter sie bedrängen, so geh nun hin, ich will dich zum Pharao senden, damit du mein Volk, die Israeliten, aus Ägypten führst.

 

Mose sprach zu Gott: Wer bin ich, dass ich zum Pharao gehe und führe die Israeliten aus Ägyp-ten? Er sprach: Ich will mit dir sein. Und das soll dir das Zeichen sein, dass ich dich gesandt habe: Wenn du mein Volk aus Ägypten geführt hast, werdet ihr Gott opfern auf diesem Berge.

 

Mose sprach zu Gott: Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen? Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Leiden Sie manchmal unter der Verborgenheit Gottes? Dass wir an jemanden glauben, den wir nie gesehen haben, den wir nicht zeigen und beweisen können, und an dessen Liebe und Existenz wir immer wieder selber zweifeln? Heftig zweifeln, gerade in den Wüstenzeiten unseres Lebens? Mir geht immer wieder so, auch als Pfarrer, in wechselnder Intensität; allen gläubigen Menschen geht es so. Warum zeigt sich Gott mir nicht deutlicher, eindeutiger, wenn er mir schon die Sehnsucht ins Herz gepflanzt hat? Warum kommt er auf derart leisen Sohlen zu uns?

Gut, wir erleben im Leben durchaus kleine Zeichen und Wunder: Träume, frappante Zufälle, Erfahrungen von Rettung und Heilung und Führung. Wir sind manchmal erfüllt durch Höhepunkte christlicher Gemeinschaft auf dem Kirchentag, oder anderswo, durch einen Satz in einer Predigt, ein Bibelwort, das uns mitten ins Herz trifft. Aber was haben solche Gipfelerfahrungen für Folgen? Spätestens nach ein paar Wochen rücken sie in den Hintergrund und bald darauf sind sie vergessen.

Ja, wenn mir Gott nur einmal in Eindeutigkeit begegnen würde!

Ja, was wäre dann, liebe Gemeinde? Meinen Sie im Ernst, das würde den Glauben einfacher machen? Was würde mit meinem schönen, ruhigen Leben passieren, wenn mir Gott unverhüllt begegnet, in seiner Heiligkeit? Nicht der „liebe Gott“, den wir uns zurechtgestutzt haben. Der nur dazu dient, unsere schlichten religiösen Bedürfnisse zu erfüllen: ein bisschen Frieden, etwas Trost und Hoffnung, schöne, harmlose Gottesdienste, die zu nichts verpflichten und ab und zu ein Anstoß, um etwas zum Guten zu verändern. Aber bitte nicht zu viel!

Also: will ich das wirklich, dass mir der lebendige Gott begegnet? So wie hier Mose, so wie dem innersten Kreis der Jünger, so wie einem Paulus vor Damaskus? Vielleicht hier, in diesen Reihen? Es kann zu jeder Zeit in meinem Leben passieren, auch wenn ich gar nicht damit rechne. Gott ist kein Gedankenkonstrukt, keine Vorstellung, keine menschliche Projektion; Gott ist Feuer, Gott ist Leidenschaft, Gott ist lodernde Liebe, Gott ist heilig. Und wen er berührt, dem zieht es buchstäblich die Schuhe aus, der wird verwandelt, der wird in Dienst genommen. Wir bedenken gar nicht, dass Gottes Verborgenheit auch ein Schutz für uns ist; eine Gestalt seiner Gnade und Liebe. Und dass nur sie es ist, die unsere menschliche Freiheit, unsere freie Antwort, möglich macht.

Gott in seiner Heiligkeit ist Feuer! Der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascal machte vor 350 Jahren mit Gott aus heiterem Himmel eine Erfahrung, die der von Mose am Dornbusch gleicht. Er hat dieses mystische Erlebnis festgehalten in seinem berühmten Memorial. Das ist ein Text auf einem schmalen Pergamentstreifen, den Pascal bis zu seinem Tod immer wieder neu in das Futter seines Rockes eingenäht hat, und der nach Pascals Tod von einem Diener zufällig entdeckt wurde.

 

Jahr der Gnade 1654. Montag, den 23. November – seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr eine halbe Stunde nach Mitternacht: FEUER! Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs; nicht der Philosophen und Gelehrten. Gewissheit, Gewissheit, Empfinden: Freude, Friede. Gott Jesu Christi. … Freude, Freude, Freude und Tränen der Freude.

 

Pascal trug diesen Zettel immer bei sich; diese mystische Erfahrung muss ihm sehr viel bedeutet haben.

Welche Erfahrungen machen wir mit Gott? Stockt uns noch manchmal der Atem, wenn wir von ihm reden, wenn wir ihm singen? Brennt da etwas in uns? Oder stochern wir nur ein wenig in der Asche?

Gott ist Feuer, Leidenschaft, verzehrend, mit gewaltiger Kraft, aber auch reinigend; vernichtend, aber auch verwandelnd, fruchtbar machen. Dafür steht seine Offenbarung im Dornbusch. Dafür stehen genauso die Feuerflammen an Pfingsten, Symbol des Heiligen Geistes (Lutherfenster). Und Jesus selbst hat gesagt, in einem wunderschönen Wort, das viel zu wenige kennen: Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte! (Lk.12,49)

Gott ist Feuer, Gott ist heilig, Gott ist leidenschaftliche Liebe. Jede Kerze in einem Gotteshaus brennt, um uns daran zu erinnern!

Ich weiß nicht, ob es Ihnen aufgefallen ist: im Predigttext ist oft die Rede vom Sehen. Doch am Ende  ist das Hören weitaus wichtiger. Mose sieht Feuerflammen, den wundersamen Dornbusch; doch er verhüllt sogleich sein Gesicht, weil er die Erscheinung anders gar nicht aushalten kann. Gott zeigt sich  ihm zwar, als loderndes Feuer, als überhelles Licht, doch er verhüllt sich zugleich. Noch einmal: keiner von uns kann Gott in seiner Herrlichkeit und Heiligkeit sehen, wir würden im Nu vergehen. Seine Verborgenheit ist auch ein Schutz, eine Gestalt seiner Gnade und Liebe.

Doch es ist keine absolute Verborgenheit. Gott spricht zu uns, auf viele unterschiedliche Arten; manchmal sehr deutlich, oft in eher leisen Tönen; doch wir können lernen, sein Wort zu hören.

Und wir dürfen mit ihm reden, so wie Mose das hier tut! Gott ist keine abstrakte höhere Macht, die unnahbar über allem thront, sondern ein warmes, lebendiges Du. Ein befreiender Gott:

Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen und ihr Geschrei über ihre Bedränger gehört; ich habe ihre Leiden erkannt. Und ich bin herniedergefahren, dass ich sie errette aus der Ägypter Hand und sie herausführe …in ein gutes und weites Land.

Das ist die neue, umstürzende Gotteserfahrung, die Mose macht, die Israel in der Geschichte seiner wundersamen Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei machte. Sie ist und bleibt grundlegend, für den jüdisch-christlichen Glauben, für uns alle, weitgehend auch für die Muslime. Der Gott der Bibel ist kein blinder Schicksalsgott, keine abstrakte höhere Macht, sondern ein Gott, der das Leiden sieht und die Schreie der Unterdrückten hört. Einer, der für uns Menschen brennt.

Diese ganze Erfahrung ist verdichtet in dem einen Namen Gottes, mit dem er sich hier vorstellt. In einem ersten Akt macht er sich als Gott der Väter bekannt: Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs. Ein Zeichen seiner Treue! Mose ist nicht der erste, mit dem er redet, und er wird nicht der letzte sein. Es gibt bereits eine Geschichte der Gottesbeziehung, eine Familiengeschichte, in die Mose eintritt und in die viel später auch wir eintreten.

Ich empfinde das oft, wenn ich im Gottesdienst das Glaubensbekenntnis mitspreche. Das sind ja nicht unbedingt die Worte, die wir heute wählen würden, um unseren christlichen Glauben auszudrücken.

Aber ich kann sie mitsprechen in dem Bewusstsein: Generationen vor mir, unsere Mütter und Väter  haben diese Worte gebetet und mit ihren Gebeten geheiligt.

Und Generationen nach uns werden sie immer noch sprechen. Ich bin mit meinem Glauben nicht mutterseelenallein, sondern ein Glied in einer wunderbaren, starken Kette, in einer gigantischen  Gemeinschaft von Glaubenszeugen.

Wer bin ich, bin meinem bisschen Glauben, mit meiner brüchigen Biographie? Fragt selbst Mose sich und Gott. Nicht einfach aus Bescheidenheit, oder aus Furcht vor der großen Aufgabe. Er fragt nach sich selbst, weil er sich nach dieser Begegnung mit Gott seiner eigenen Identität nicht mehr sicher ist.

Gott antwortet darauf mit sich selber: Ich will mit dir sein. Der Gott der Bibel ist kein „Gott an für sich“, sondern ein „Gott für uns“. Unsere Identität müssen nicht wir selbst konstruieren, sondern sie ist ein Geschenk. Gott wird unser Leben zusammenhalten, ganz gleich, wie erfolgreich oder chaotisch es verläuft.

Diese ganze Begegnung, die grundlegend erneuerte Gotteserkenntnis verdichtet sich nun in dem heiligen Namen, mit dem Gott sich uns offenbart. In diesem geheimnisvollen Namen „Jahwe“.

Gott sprach zu Mose: Ich werde sein, der ich sein werde. Und sprach: So sollst du zu den Israeliten sagen: »Ich werde sein«, der hat mich zu euch gesandt.

Namen sind nie nur Schall und Rauch. Ein Name sagt Entscheidendes über das Wesen aus. Gottes Name zeigt Wirkung. Er ist Feuer, Wort und Tat.

Die Alten wussten viel besser als wir: wenn ich den Namen einer Person, oder auch einer Gottheit  kenne, kann ich sie anrufen, anreden. Und gewinne dadurch einen Zugang, auch eine gewisse Macht über diese Person. Denken wir nur ans Rumpelstilzchen, im Märchen!

In der Zeit von Handy, Facebook und Twitter und ihrer Bedeutung für die aktuellen Befreiungsbewegungen, kann ich das auch noch viel eindrücklicher illustrieren. Die junge Generation weiß heutzutage ganz genau, welche Bedeutung Namen, digitale Adressen haben. Man hat dadurch Zugang zu einer Person, kann sie anmailen, anrufen. Vernetzt mit vielen anderen gewinnt man über Namen sogar eine gewaltige Macht, die wie wir sehen Reiche zum Einsturz bringt.

Namen sind nie nur Schall und Rauch; sie bringen immer etwas vom Wesen einer Sache zum Ausdruck.

Jahwe - ich werde sein, der ich sein werde, so stellt Gott sich vor. Ein befremdlicher Name. Wie die Erscheinung im Dornbusch offenbart und verhüllt er Gott gleichzeitig. Die Theologen, die jüdischen wie die christlichen, ringen um seinen Bedeutungsgehalt und die rechte Übersetzung. Bei allen Rätseln, die bleiben, ist so viel unstrittig - und das können wir auch für uns persönlich mitnehmen:    Ich werde sein, der ich sein werde. Darin liegt zum einen: Gott ist ein Ich, das ich anrufen darf. Aber Gott bleibt Gott: niemand hat Gott je im Griff!

Und auch das ist Konsens: der Name Gottes ist fehlgedeutet, wenn er im Sinne von Willkür, von absoluter Freiheit interpretiert wird. Ich werde sein, der ich sein werde bedeutet, wie der gesamte Kontext zeigt, immer eine Zugewandtheit, eine Fürsorge Gottes. Also kann man sachgemäß übersetzen: Ich werde für dich da sein, für euch da sein.

Falsch wäre die Übersetzung „Ich bin, der ich bin“. Gott offenbart sich gerade nicht als unbewegter Beweger, als statisches Wesen. Gott ist auch kein ewiger Kreislauf, nicht das Geheimnis des immerwährenden Werdens und Vergehens, wie ihn östliche Weisheit beschreibt.

Nein, der Wortlaut ist futurisch, also geschichtlich: Ich werde sein, der ich sein werde. Gottes Wesen ist Bewegung, ist Lebendigkeit und trotzdem Treue. Der Gott der Bibel ist ein Gott der Geschichte: auch der deutschen und europäischen Geschichte mit dem Mauerfall 1989, auch der aktuellen Geschichte, wie wir sie so bewegend in den arabischen Ländern erleben.

Gott ist ein mitgehender Gott, und nicht die Vergangenheit, „die Zukunft ist sein Land“. So singen wir zu Recht. Ich will mit dir sein, verspricht er sich Mose. Und er verspricht sich genauso uns: mir und Dir!

Die Selbstoffenbarung Gottes vor Mose am brennenden Dornbusch: sie markiert einen Quantensprung in der Gotteserkenntnis. Und bleibt Fundament unseres Glaubens. Rund 1200 Jahre später erfolgt ein weiterer Quantensprung. Nicht im Sinne einer Ablösung der Gotteserfahrung Israels, sondern als Vertiefung, durch den heruntergekommenen Gott selbst!

In Jesus Christus, dem Immanuel, dem Gott-mit-uns, nimmt der Ewige unser Fleisch und Blut an. Er findet einen Weg, uns trotz seiner Heiligkeit und unserer Unheiligkeit sein Gesicht zu zeigen, seine Liebe, ohne dass wir gleich vergehen. „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus.

Gottes Mitleiden mit dem Elend in dieser Welt wird gesteigert bis zum Mitsterben am Kreuz. Doch er lässt sich nicht verzehren, er verbrennt nicht, im Leiden und Sterben. Am Ostermorgen kommt es an den Tag: der Ich werde sein, der ich sein werde verwandelt vielmehr alles Böse in der Welt und in uns in Versöhnung und neues Leben. In die größte denkbare Befreiungsgeschichte. Ihm sei Lob und Anbetung, bis in Ewigkeit. AMEN.

 

Lasst uns Gott antworten mit dem Lied 610,1-3: Lob, Anbetung, Ruhm und Ehre

 

 

 

 

Pfarrer Volker Bleil

Evang. Pfarramt Martin-Luther-Kirche West