Oekumenischer Gottesdienst in der Heilig-Geist-Kirche 8.2.2009

Joh.14,1-6 „Auf dem Weg zu Gottes Wohnungen"

PREDIGTTEXT

Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Wenn's nicht so wäre, hätte ich dann zu euch

gesagt: Ich gehe hin, euch die Stätte zu bereiten?

Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir

nehmen, damit ihr seid, wo ich bin. Und wo ich hingehe, den Weg wisst ihr.

Spricht zu ihm Thomas: Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst; wie können wir den Weg

wissen?

Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt

zum Vater denn durch mich.

Liebe Schwestern und Brüder,

I. Auf dem Weg zu Gottes Wohnungen - lautet die Überschrift zum Bibelsonntag. Sie verdankt sich

dem wunderbaren Wort Jesu, das wir eben hörten: „In meines Vaters Hause sind viele Wohn-

ungen". Das ist ein Satz, der unser Herz glaube ich sehr unmittelbar anrührt. Und der tief geht.

In dieser Zeit. An diesem gesegneten Sonntag, wo wir unser unterschiedliches Gesangbuch getrost

daheim gelassen haben, und stattdessen voller Freude Gott miteinander loben. In diesem schönen

Gotteshaus, das wir Evangelischen nach 50 Jahren genauso lieben. Lieben, weil wir hier schon so

oft gemeinsam auf Gottes Wort gehört und miteinander das Brot gebrochen haben. Ja, auch das.

Da berührt dieses Wort von den „vielen Wohnungen", und es geht uns tief.

Euer Herz erschrecke nicht, ruft Jesus uns zu. In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen.

Ich liebe dieses bergende Bild von den himmlischen Wohnungen; auch das steile Ich-bin-Wort und

diesen ganzen Abschnitt im Johannesevangelium! Auf dem Friedhof ist dieser Text mein Favorit

für die Schriftlesung, weil er so tröstlich ist…

In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen. Jesus spricht das den Jüngern ja ebenfalls in der

Situation des Abschieds zu. Er geht den Weg ans Kreuz; den Weg in den Tod. Den Weg, den die

Jünger ganz und gar nicht begreifen können. Doch der Weg in den Tod endet nicht in schreck-

lichem Unbehaustsein, sondern im Licht von Ostern. Jesus bricht uns durch sein Sterben einen

Weg, ins Vaterhaus. Und da herrscht keine Enge, keine Wohnungsnot, sondern Weite und Freude.

Im Himmel gibt es „viele Wohnungen". Auch einmal für uns.

Das Spannende ist nun, dass Jesus hier nicht nur von der Zukunft und vom Jenseits spricht. Diese

unbedingte Geborgenheit, dieses Zuhausesein bei Gott, das werden wir nicht erst schmecken, wenn

wir sterben. Das gibt es schon hier und jetzt.

Das zeigen Verse, die unmittelbar auf den Predigttext folgen: Jesus geht den Weg ans Kreuz, als

Weg zum Vater, für uns. Doch er verspricht: als Auferstandener kommt er zu den Seinen zurück, im

Heiligen Geist, durch den er in uns Wohnung nimmt. „Ich komme zu euch". Und: „Wer mich

liebt, … zu dem werden der Vater und ich kommen und Wohnung bei ihm nehmen."

Der ganze Zusammenhang gipfelt dann in der berühmten Stelle Johannes 17, im hohepriesterlichen

Gebet Jesu: „Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, damit die

Welt glaube, dass du mich gesandt hast… Ich in ihnen und du in mir, damit sie vollkommen

eins seien."

Jetzt schon. Wie im Himmel, so auf Erden. Wohnen in Gott, geborgen sein in seiner Liebe: das ist

nicht Zukunftsmusik, das ist erfahrbare Gegenwart im Glauben. Durch den Heiligen Geist, der die

Liebe Gottes in unsere Herzen ausgegossen hat!

Dasselbe gilt für die Einheit der Kirche: wir müssen nicht mehr auf sie warten; wir können sie nicht

schaffen und wir brauchen sie nicht zu schaffen. Unsichtbar ist sie längst Wirklichkeit: Ich in ihnen

und du in mir, damit sie vollkommen eins seien.

Liebe Schwestern, liebe Brüder! In Jesus Christus sind wir längst eins; eine Kirche! So, wie wir hier

in den Bänken sitzen und miteinander feiern. Davon können wir ausgehen, darauf können wir auf-

bauen, auch wenn die sichtbare Einheit der Kirche noch ein wenig auf sich warten lässt. Der drei-

einige Gott wohnt in uns und wir in ihm, durch den Glauben.

Natürlich gibt es noch Unterschiede zwischen uns: im Aufbau der Kirche, in der Theologie, in

Sitten und Gebräuchen, in der Art, wie wir am liebsten Gottesdienst feiern. Aber sind diese Unter-

schiede wirklich noch kirchentrennend? So vertraulich und selbstverständlich, wie wir als Christen

zusammenleben und zusammenarbeiten, im beinahe täglichen Kontakt, mit Dir, Josef, mit Ulrich,

mit Thomas, da muss ich sagen: ganz klar Nein! Und wenn die Unterschiede doch einmal zum

Thema werden, im Ökumenekreis, beim Abendstern, oder bei einer gemeinsamen Sitzung, dann

erleben wir sie eher als Bereicherung, denn als Hindernis. Mir gefällt das Bild von Fulbert

Steffensky, der von unterschiedlichen „Dialekten des Glaubens" spricht. So wie es halt Bayern gibt

und Schwaben. Und jeder schwätzt eben ein wenig anders!

Ich bin davon überzeugt: manches Problem in der Ökumene wird sich dadurch lösen, dass man es

schlicht vergisst. Dass man es vergisst, weil es keine Bedeutung mehr hat. Und weil wir unsere

Kraft und Phantasie für wichtigere Themen brauchen!

Zum Beispiel für das große Thema Religionen. Für die Frage, wie wir friedlich zusammenleben

können. Und für die spannende Frage nach der Wahrheit.

II. Wie ist das, mit der Wahrheit der Religionen, im Verhältnis zum Christentum? – Das ist das

zweite, über das ich mit Ihnen nachdenken will, herausgefordert von Jesu steiler Aussage:

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater den durch

mich." Das klingt eindeutig und exklusiv. Stichwort: christlicher Absolutheitsanspruch. Wir sind

im Besitz der Wahrheit, die andern Religionen irren, zumindest im Wesentlichen. Nur Christen

kommen in den Himmel. - Oder kann man diesen Satz auch noch anders verstehen? Dieses herr-

liche Jesuswort, mit dem in der Vergangenheit so viel grässlicher Missbrauch getrieben wurde?

Missbrauch in Gestalt von christlicher Überheblichkeit und Arroganz und Lieblosigkeit gegenüber

anderen Religionen, bis hin zu Zwangstaufen, und zur Verfolgung und Vernichtung von Juden?

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Muss der Satz Jesu in der heutigen Zeit nicht

schon deshalb relativiert werden, um der Toleranz, um des Friedens willen?

Es gibt Theologen, die das tun. Die nach Kräften an der Christologie abmarkten, gut meinend. Bis

in die Teilnehmerhefte der Bibelwoche hinein. Das sei ein reiner Trostsatz, für die bedrängte

johanneische Gemeinde, nur nach innen gesprochen. Und für uns Christen sei ja Jesus wirklich die

Wahrheit, und der Weg zum Vater. Andere Religionen hätten andere Wege und Wahrheiten. Die

Juden z.B. bräuchten Jesus nicht als Weg zum Vater, weil sie längst schon im Vaterhaus sind.

Ich halte diese Interpretation für falsch und für fatal. Sie wird dem Johannestext und der biblischen

Offenbarung jedenfalls nie und nimmer gerecht! Und sie verdunkelt die Klarheit des christlichen

Zeugnisses, das die Welt braucht. Das sie gerade heute braucht.

Aber das will ich gleich ergänzen: jeglicher christliche Absolutismus, jegliche Überheblichkeit nach

dem Motto „Wir sind im Besitz die Wahrheit", liegt noch viel schrecklicher daneben.

Jesus Christus spricht: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Das „Ich bin" ist in

der Bibel ein starkes Signal, schon im Alten Testament. Es markiert durchweg eine Offenbarungs-

aussage, eine göttliche Selbstenthüllung. Sprich: in den Ich-Bin-Worte offenbart der wahre Mensch

Jesus seine wahre Gottheit, als fleischgewordenes Wort des Vaters. „Wer mich sieht, der sieht

den Vater."

Dann müssen wir so lesen: „Gott selbst ist der Weg; Gott ist die Wahrheit und Gott ist das

Leben". Für alle Menschen. Und zwar auf jenem verrückten, für uns unausdenklichen Weg der

Selbsthingabe aus Liebe zu uns Sündern, den Gott im Sohn beschritten hat. Von der Mensch-

werdung bis zum Tod am Kreuz. Oder wie es Dietrich Bonhoeffer im Gedicht ausdrückt: „Gott

geht zu allen Menschen in ihrer Not, sättigt den Leib und die Seele mit seinem Brot, stirbt für

Christen und Heiden den Kreuzestod, und vergibt ihnen beiden."

„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben." Da gibt es nichts zu relativieren. Das ist ein

Geschehen von Gott her, und zwar ein inklusives. Ein Heilsgeschehen, das alle Menschen

einschließt. Eine einseitige Versöhnungstat von Gott her, die allen grundlos und unverdient zugute

kommt, noch bevor irgendjemand glauben kann. Verstehen wir jetzt den Satz, warum niemand zum

Vater kommt, denn durch ihn, Jesus Christus? Weil er sich ausnahmslos für alle Menschen

hingegeben hat, damit wir die Vergebung erlangen.

Unsere Antwort kann nur Lobpreis sein, Staunen und Anbetung! Und dann die Nachfolge, auf dem

Weg dieser Liebe und Hingabe.

„Ich bin die Wahrheit", sagt Jesus. Und das bedeutet, dass wir sie nicht haben. Keine christliche

Kirche ist im Besitz der Wahrheit. Auch nicht gedruckt, in der Bibel.

Man kann sie gar nicht haben, weil Christus die Wahrheit in Person ist. Wahrheit im hebräischen

Verständnis, als Halt und letzte Verlässlichkeit. Wahrheit geschieht in Beziehung.

„Ich bin der Weg, und die Wahrheit, und das Leben." Die unsägliche christliche Überheblich-

keit gegenüber anderen Religionen kam erst ins Spiel, als man die Wahrheit vom Weg der Hingabe

und Liebe Jesu ablöste. Von seiner Demut. Und man deutet den Begriff Wahrheit im griechisch-

philosophischen Sinn um, als Weltanschauung, als ein System von Richtigkeiten, das man andern

vorsetzen, oder um die Ohren schlagen kann. Dieses falsche, intellektualistische Verständnis ist

beinahe unausrottbar und vernebelt uns bis heute die Sicht!

Aber unser christlicher Glaube ist nun einmal keine Weltanschauung, sondern ein Weg. Keine

Kopfwahrheit, sondern Lebenswahrheit. Weniger ein Ergreifen, viel mehr ein Ergriffensein.

„Nicht, dass ich´s schon ergriffen hätte", sagt Paulus, „aber ich jage ihm nach, weil ich von

Christus Jesus ergriffen bin."

Und so folgen wir in der Kraft des Heiligen Geistes dem Weg der Liebe Jesu Christi, die keine

Bedingungen kennt, die keine Grenzen akzeptiert, die andere Überzeugungen achtet und niemanden

ausschließt. Niemanden; außer demjenigen, der sich durch Hass und Intoleranz selber ausschließt!

Gibt es eine wichtigere Botschaft für die Welt, von heute? Und kann irgendjemand mit einer

anderen religiösen Erkenntnis etwas dagegen haben, dass wir Christen diese Botschaft leben?

„Niemand kommt zum Vater, denn durch mich.", sagt Jesus. Zur großen Frage der Religionen

möchte ich zum Schluss einen spannenden Satz daneben stellen, ebenfalls aus dem Johannes-

evangelium: „Ich habe noch andere Schafe, die sind nicht aus diesem Stall; auch sie muss ich

herführen, und sie werden meine Stimme hören." (Joh.10,16). Wie er das tut und wann er das

tut, das können wir getrost Christus überlassen. „Der Geist des Herrn erfüllt das All." Warum sollte

er nicht auf verborgene Weise auch durch andere Religionen wirken? Das enthebt uns nicht vor

unserer Aufgabe, Jesus Christus aller Welt zu bezeugen. Aber am Ende gilt auch hier jener überaus

gelassene Hoffnungssatz, mit dem wir begonnen haben: „In meines Vaters Hause sind viele

Wohnungen."

AMEN.