Geschichte der Martin-Luther-Kirche


Über der Haube der Kirche befindet sich ein Knauf und ein Astrolabium. Bei der Sanierung 1992 fanden sich im Knauf Dokumente aus dem Einweihungsjahr 1928: Bilderchronik und Ulmer Tagblatt. Sie wurden zusammen mit den Festschriften zum 40-, 50- und 60-jährigen Jubiläum, Gemeindebriefen, einem Ulm-Führer, aktuellen Zeitungen und einem Satz frischer Münzen wieder in den Knauf verschlossen. Das Astrolabium

Vorgeschichte

1901 war die Stadtumwallung niedergelegt worden. Die Stadt dehnte sich nach Westen aus, und mit der wachsenden Zahl der Menschen entstand der dringende Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus in der Ulmer Weststadt. Noch war der Vikar des Ulmer Münsters für den Gemeindeteil zuständig, der Gemeindeteil war eine eigene Region der Münstergemeinde. 1907 wurde eine Behelfskirche, das sogenannte Martinskirchle an der Martinsstraße eingeweiht. Und schon 1911 gab es Pläne für den Neubau einer mächtigen Weststadtkirche mitten im Bismarckring. Einen Bauplatz hatte die Gemeinde bereits erworben. Der Beginn des ersten Weltkrieges setzte 1914 allen diesen Plänen ein Ende.

Das Martinskirchle  Das Martinskirchle
 


Der Neubau

Erst 1924, nach der Inflation, wagt der Kirchengemeinderat einen neuen Anlauf. Zwei Besonderheiten werden geplant: erstens ein Gemeindesaal über dem Kirchenschiff und zweitens zwei Emporen, einander gegenüberliegend! Die eine vorne über dem Altar ist reserviert  für Chorsänger, Orchestermitglieder, Organisten und Kantoren, die andere hinten für Gottesdienst- und Konzertbesucher. Es sollte eine Musikkirche werden, ganz im Sinne von Martin Luthers hoher Wertschätzung der Musik. Am am 6. Mai 1928 wurde die neue Martin-Luther-Kirche eingeweiht.
Es heißt, der Apotheker Lechler habe seinerzeit den Urwalddoktor und Orgelvirtuosen Dr. Albert Schweitzer die neue Kirche gezeigt und ihn gebeten, auf der neuen Walker-Orgel zu spielen. Nach einem flüchtigen Blick ins mit hellem Holz gestalteten Kirchenschiff soll er jedoch gesagt haben: "In dieser Tiroler Bauernstube spiele ich nicht!" Damals waren ausnahmslos alle Orgelpfeifen noch durch Jalousien verdeckt. Erst nach 1960 begann die Orgel ihr wahres Gesicht zu zeigen, nämlich die prächtigen Prospektpfeifen aus dem Pedal, die inzwischen bei Orgelkonzerten angestrahlt sind.


 
  Albert Schweitzer: "Diese Tiroler Bauernstube ....!"


Nationalsozialismus und Krieg

Die Gemeinde gerät bald ins Visier des Regimes. Die Pfarrer werden zu Verhören geholt, die Gottesdienste von der Polizei überwacht. Der Kirchenchor spaltet sich in Regimegegner und Regimeanhänger. Stadtpfarrer Ernst Hirzel verteilt als Kurier die Kanzelbotschaften von Landesbischof Theophil Wurm. Seine Kinder beteiligen sich aktiv am Widerstand der Weißen Rose.

Den zweiten Weltkrieg überdauert die Martin-Luther-Kirche fast unbeschädigt. Ein paar kleine Brandherde von Brandbomben können schnell gelöscht werden. Pfarrer Hirzel war nebenamtlich Brandschutzwart. Während er an der Kirche löschte, brannte sein Pfarrhaus in der Schillerstraße nieder. Bei der Verfolgung der letzten Nachhut deutscher Soldaten zerschossen die anrückenden amerikanischen Soldaten die Schlösser der rückwärtigen Eingänge zu der Kirche. An der Südseite der Kirche sind noch heute Einschusslöcher zu sehen.

Die Weiße Rose und die Martin-Luther-Kirche         Das Symbol der We

Die Geschwister Sophie und Hans Scholl waren zwar nicht in Ulm geboren, aber doch in Ulm aufgewachsen. Als Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität München riefen sie zusammen mit anderen unter dem Namen "Die weiße Rose" in Flugblättern zum Widerstand gegen das Schreckensregime der Nationalsozialisten auf. Nach ihrer Festnahme im Februar 1943 wurden sie vom Volksgerichtshof in München verurteilt und sofort hingerichtet.


Sophie Scholl



Ihre Ulmer Freunde, die Gymnasiasten Susanne Hirzel (geb. 1921) und Hans Hirzel (geb. 1924), Franz Joseph Müller (geb. 1924) und Heiner Guter (geb. 1925) haben im Winter 1942/43 das fünfte Flugblatt der Weißen Rose in der Orgelstube (hinter den Orgelpfeifen) der Martin-Luther-Kirche postfertig gemacht und auch ausgetragen. Der Vater der beiden Hirzelkinder, Ernst Hirzel, war Stadtpfarrer an der Kirche.
Wie Martin Luther vor Kaiser und Reichstag in Worms hatten sie sich als Protestanten nur ihrem Gewissen verpflichtet gefühlt, dass es "gefährlich sei, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen." (Luther).

In Erinnerung an die Weiße Rose trägt die Schule (früher Wagnerschule) neben der Kirche seit 1983 den Namen "Hans und Sophie Scholl Gymnasium". Allerdings war nur Sophie Scholl tatsächlich Schülerin dieser Schule.


Nachkriegszeit

Da es in der kriegszerstörten Stadt keine geeigneten Räume gibt, finden im Oberen Saal der Kirche nicht nur Gemeindeveranstaltungen statt, sondern auch Vorträge von hervorragenden Vertretern des wieder erwachenden deutschen Geisteslebens. Veranstaltet werden sie von der 1947 neu gegründeten volkshochschule ulm unter der Leitung von Inge Aicher-Scholl, einer Schwester der Geschwister Scholl. Ihr Mann, der berühmte Designer Otl Aicher, gestaltet die Plakate dazu.

romano guardini theodor stein-
büchel gregor lang joseph
bernhard felix messerschmid
werner becker fedor stepun


 


1957 wird die Paul-Gerhardt-Kirche eingeweiht. Damit hat auch die Paul-Gerhardt-Gemeinde als neu entstandene "Tochter" der Martin-Luther-Gemeinde für 50 Jahre ein eigenes ansprechendes Domizil auf dem Kuhberg gefunden. Auch in der Paul-Gerhardt-Kirche entwickelt sich ein kirchenmusikalischer Schwerpunkt.

2006 beschließt der evangelische Gesamtkirchengemeinderat Ulm die Stilllegung dieser Kirche auf 15. Juli 2007. Die beiden Gemeinden, die fünfzig Jahre lang gut nachbarschaftliche Beziehungen gepflegt haben, werden rechtlich und räumlich wieder zusammengeschlossen, weil die - leider - gesunkene Zahl der evangelischen Gemeindeglieder den Betrieb nur noch einer Kirche und eines Gemeindezentrums zwischen dem Ulmer Münster und der Söflinger Christuskirche ermöglicht. Die beiden wieder fusionierten Kirchengemeinden bilden ab 2001 gemeinsam die "Martin-Luther-Paul-Gerhardt-Gemeinde" mit einem gemeinsamen Kirchengemeinderat, seit 2004 nennt sich die Gemeinde "Reformationskirchengemeinde".  


KMD Albrecht Haupt

Die Kirchenmusik erhält an der Martin-Luther-Kirche nach dem Zweiten Weltkrieg großen Auftrieb. Albrecht Haupt übernimmt 1957 das Kantorat und sorgt dafür, dass die Martin-Luther-Kirche - nach kriegsbedingter Schwächung - wieder ein Zentrum gepflegter Kirchenmusik wird. Zahlreiche Erstaufführungen, Einspielungen und ein reges Konzertleben prägen die Zeit. Die "Stunde der Kirchenmusik", aber auch eine dichte Folge von Kantatengottesdiensten machen die Kirche zu einem Ulmer Kulturzentrum von Rang. Haupt wird vom Landesbischof zum Kirchenmusikdirektor (KMD) ernannt, später, nach Übernahme des neu gegründeten Ulmer Universitätschores, auch zum Universitätsmusikdirektor (UMK). 1995 scheidet Haupt altersbedingt aus und übergibt den Taktstock an Kantor Wolfgang Pröbstl. 2004 scheidet Wolfgang Pröbstl aus. 2005 übernimmt Philip Hartmann den Chor und wirkt bei der anstehenden Orgelsanierung maßgeblich mit. Allerdings versieht Philip Hartmann auch Dienstaufträge an der Pauluskirche, am Münster und im Kirchenbezirk.


Gleichzeitig mit der Feier des 40-jährigen Jubiläums wird 1968 der Grundstein für das Gemeindehaus gelegt, das 1969 vollendet wird. Teile der rhythmisch gegliederten Westfassade werden im Zuge dessen leider zerstört. 1978 feiert die Kirche das halbe Jahrhundert ihres Bestehens mit dem Schwerpunkt auf der Partnerarbeit mit der Dritten Welt. Inzwischen ist ein Ulmer Weltladen gegründet, der bis heute maßgeblich auch von Gemeindegliedern der Reformationskrichengemeinde ehrenamtlich getragen wird. 1988 stehen im Mittelpunkt des Jubiläums diejenigen, die die Einweihung 60 Jahre zuvor schon erlebt hatten.

1992 - die Kirche hat das 65. Lebensjahr noch nicht erreicht - machen Umweltschäden durch Luftschadstoffe und Verkehrserschütterungen eine Sanierung des Kirchturmes nötig. Mit hohem Einsatz bringt die Gemeinde 50.000 DM selber auf, die Gesamtkirchengemeinde steuert die übrigen 170.000 DM bei. Damit kostet die Sanierung in DM soviel wie seinerzeit der Kirchenbau in Reichsmark!

Die Geschichte der Kirche und Gemeinde ist detailiert (bis 1945) aufgezeichnet in:



Daraus hier ein Faksimileabschnitt:

Faksimile des Goldenen Buchs



2008 wird - zum achtzigjährigen Kirchenjubiläum - vom Goldenen Buch ein Faksimile erstellt, das käuflich erworben werden kann.


Gegenwart
 
Das neue Jahrtausend beginnt mit herben finanziellen Einbrüchen in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ulm. Das führt automatisch zu weiteren empfindlichen "Rückschnitten" an der Martin-Luther-Kirche: 2004 verliert die Martin-Luther-Kirche ihre volle Kantorenstelle, ein Team aus Organisten und Chorleitern fängt diesen großen Verlust auf; gleichzeitig wird der Ulmer Bezirkskantor 2005 mit der Leitung des gemischten Chores betraut. Auch verliert die Kirchengemeinde 2005 und 2006 zwei traditionsreiche Kindergärten: die Kindergärten im Neunkirchenweg und im Nüblingweg werden - aufgrund des demographischen Wandels - endgültig geschlossen. Der 2006 neu ausgegebene Pfarrplan der Württembergischen Landeskirche schreibt zudem fest, dass das ebenfalls traditionsreiche Pfarramt "Martin-Luther-Kirche West" nach Weggang des Stelleninhabers nicht wieder besetzt werden kann und 2009 aufgelöst wird. Dagegen bleibt das Pfarramt der Paul-Gerhardt-Kirche im Mettlachweg am Kuhberg der neuen Reformationskirchengemeinde erhalten. Ebenfalls unangetastet bleibt das Pfarramt der Martin-Luther-Kirche in der Hasslerstraße am Galgenberg. Die fusionierte Gemeinde hat jetzt noch etwa 4100 Gemeindeglieder. 

Der Chor der Reformationsgemeinde erhält 2008 vom amtierenden Bundespräsidenten Horst Köhler für hundertjähriges Bestehen die Zelterplakette. 2009 nennt sich der Chor "Martin-Luther-Kantorei".


   Zelterplakette


Nach all den tiefen Einschnitten und Abschiedsschmerzen können nun aber endlich auch neue Aufgaben wieder angegriffen werden: der kleine "Westturm" der Martin-Luther-Kirche wurde im Sommer 2007 saniert, nachdem immer wieder lose gewordene Steine herunter gebrochen waren. Ein Orgelbauwettbewerb und lange Gespräche mit Orgelsachverständigen zeigen neue Perspektiven für das 80 Jahre alte Instrument an der Wand der Westempore auf: Orgelbaumeister Markus Lenter legt zusammen mit seinem Vater Gerhard Lenter aus Sachsenheim und Kirchenmusikdirektor Gerhard Klumpp aus Geislingen überzeugende Pläne zur Sanierung des wertvollen Instruments vor. Die Firma Lenter arbeitet an der historischen Walckerorgel bis Januar 2010. Gleichzeitig wird ein neuer Emporeaufbau auf der Sängerempore errichtet, die Wände erhalten frische Farbe, die Fenster auf der Wetterseite werden abgedichtet und eine neue Lautsprecheranlage verbessert die akustischen Verhältnisse. Das Finanzvolumen der gesamten Maßnahme beträgt 270.000 Euro.


Ein Team aus zwanzig Gemeindegliedern und vier Theologen stellt seit 2006 einen regelmäßigen ökumenischen Abendgottesdienst unter dem Namen "ABENDSTERN" auf die Beine, der von 200 bis 400 Besuchern wahrgenommen wird. Neben den traditionsreichen Aufführungen barocker, klassischer und romantischer Kirchenmusik wird die Martin-Luther-Kirche nach und nach auch ein Ort gepflegter christlicher Gospel-, Soul- und Popmusik. Namhafte Künstler aus diesem Bereich treten in der Kirche bei Konzerten, Workshops und Gottesdiensten auf.

 


Archiv über besondere Veranstaltungen:

Archiv ab 2010

 

 

Stand: 07.08.2012aw